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Memoiren der Tschigeunegon-Prophetin Odschi Wein Akwot Okwä oder der Frau der blaugekleideten Wolke, die erzählt…

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Memoiren der Tschigeunegon-Prophetin Odschi Wein Akwot Okwä

oder der Frau der blaugekleideten Wolke

Von ihr selbst erzählt

Als ich ein Mädchen von zwölf oder fünfzehn Jahren war, befahl mir meine Mutter, recht auf mich achtzugeben und ihr gleich zu sagen, wenn mir etwas Ungewohntes vorkäme. Kurz danach mußte meine Mutter ausgehen und Holz sammeln, um eine kleine Hütte für mich zu bauen, die ich allein bewohnen mußte, da sich inzwischen die erwarteten Zeichen richtig eingestellt hatten. Während zweier Tage durfte ich keinen Bissen zu mir nehmen, ja sogar keinen Schnee anrühren, um den brennenden Durst zu stillen.
Am Ende des zweiten Tages kam meine Mutter; nicht, um mir vielleicht Speise zu bringen, sondern, um sich zu vergewissern, daß ich auch während jener Zeit ihr Gebot treu befolgt hatte. »Sieh«, sagte sie, »liebes Kind, du bist das jüngste von vier Geschwistern, die dich bei ihrer Reise nach dem Land der Seelen allein zurückgelassen haben. Ich habe also nur noch dich, auf die ich meine Hoffnung setzen kann, darum höre auf meinen Rat: Schwärze dein Gesicht, und faste noch einige Tage länger, damit der Meister des Lebens über uns Erbarmen habe. Wenn die Sonne zweimal untergegangen ist, werde ich wiederkommen und hören, ob deine Träume Gutes bedeuten und ob du beim Großen Geist angesehen bist.«
Darauf ging sie fort, und ich nahm mein kleines Beil, hieb einige Bäume um, schälte die Rinde ab und machte mir eine warme Decke davon. Mein Hunger nahm inzwischen mehr und mehr ab, doch nicht mein Durst; aber ich rührte nicht die kleinste Schneeflocke an, denn meine Mutter hatte mir auch früher einmal mitgeteilt, daß dies die kleinen Manitus sehen und den Meister des Lebens davon benachrichtigen würden.
Am Ende des vierten Tages kam meine Mutter wieder und brachte eine Kanne mit, in der sie Schnee für mich schmolz. Ich trank die Kanne bis auf den letzten Tropfen aus und verlangte mehr, bekam es jedoch nicht. »Jetzt, liebes Kind«, sagte sie dann, »folgst du deinen Eingebungen und Träumen, und du wirst sehen, daß du dadurch mich, dich und die ganze Menschheit glücklich machen wirst!« Darauf ließ sie mich wieder allein.
In der sechsten Nacht hörte ich eine Stimme, die aus einer entfernten Hütte zu kommen schien und zu mir sagte: »Armes Kind, du tust mir leid! Steh auf und folge mir!«
Ich tat, wie mir geheißen wurde, und fand einen silberglänzenden Weg vor mir, der mich weit hinauf in die Höhe führte. Zu meiner Rechten verbreitete der Neumond seinen blendenden Flammenschein, und zu meiner Linken stand die Sonne. Als ich eine Strecke weitergegangen war, sah ich auch das Bild der Kodschigabekwä oder der Ewigen Frau vor mir, und jemand sprach zu mir: »Ich gebe dir meinen Namen, und du kannst ihn später einem anderen geben; auch verleihe ich dir langes Leben auf der Erde und die Kunst, das Leben anderer zu verlängern. Jetzt geh; man ruft dich weiter oben!«
Ich ging weiter und sah einen kugelrunden Mann vor mir, dessen Kopf mit Hörnern bewachsen war. »Fürchte dich nicht vor mir«, redete er mich an; »mein Name ist Manitu Wininis oder der kleine Menschengeist, und so sollst du deinen ersten Sohn benennen. Geh weiter!«
Als ich wieder eine kleine Strecke hinter mir hatte, kam ich an die Öffnung des Himmels, vor der eine Gestalt stand, deren Kopf mit Sonnenstrahlen umgeben und deren Brust mit dem merkwürdigsten Schmuck behängt war. »Sieh mich an«, sagte sie zu mir, »mein Name ist Oschowoedschigick oder der hellblaue Himmel; ich bin der Schleier, der den Eingang zum Paradies verhüllt, und bin geneigt, dich mit allerlei heiligen Gaben zu beschenken, wenn du die Prüfung bestehst, der du dich jetzt unterwerfen mußt!«
Gleich darauf fielen Tausende von leuchtenden, nadelähnlichen Punkten auf mich, prallten aber wirkungslos an mir ab. Dies wiederholte sich mehrmals mit demselben Resultat. Danach drangen von allen Seiten scharfe nägelartige Körper in mein Fleisch, aber ich verspürte nicht den geringsten Schmerz, und die Stacheln fielen zuletzt unschädlich zu meinen Füßen nieder.
»Gut, gut!« rief da eine heilige Stimme. »Du wirst lange Tage sehen und den Meister des Lebens zum ewigen Freund haben. Jetzt aber geh wieder zurück in deine Hütte, und nimm nahrhafte, stärkende Speisen zu dir. Ich habe einem meiner Geister befohlen, dich nach Hause zu tragen; darum setze dich getrost auf seinen Rücken!«
Darauf wurde ich von einem großen, in der Luft schwimmenden Fisch zu meinem Wigwam zurückgebracht.
Am anderen Morgen kam meine Mutter und brachte mir eine getrocknete Forelle; aber ich konnte weder ihren Anblick noch den Geruch des Fisches ertragen. »Liebe Mutter«, sagte ich, »vergib mir, daß ich nichts zu mir nehme, denn es ekelt mich vor jeder Speise.«
Sie ermunterte mich, recht standhaft auszuhalten, damit ich vom Himmel die volle Kraft bekäme, der Trost ihres Alters sein zu können. Dann verließ sie mich wieder.
Ich versuchte nun, einige dünne Bäume zu fällen, fiel jedoch dabei ohnmächtig in den Schnee, und es dauerte eine geraume Zeit, bis ich mich wieder so weit erholt hatte, daß ich mich zurück in meine Hütte schleppen konnte. Da hatte ich dann mit allen Einzelheiten dieselbe Vision wieder wie am Tag vorher, und als meine Mutter mich wieder besuchte, erzählte ich sie ihr. Sie war sehr zufrieden damit und befahl mir, noch drei weitere Tage zu fasten. Ihr mitgebrachtes Korn widerstand mir ebenso wie zuvor der Fischgeruch; auch das Schneewasser ließ ich unangerührt stehen.
Als ich wieder allein war, kam eine runde Gestalt mit äußerst kleinen Händen und Füßen vom Himmel in meine Hütte geflogen und sprach zu mir: »Ich gebe dir die Kraft, in die Zukunft zu sehen, damit du deinem Stamm nützlich sein kannst!« Darauf verschwand sie wieder in der Luft, und es schien mir, als habe sie sich in einen rotköpfigen Specht verwandelt.
Ich war also eine Prophetin oder Medizinfrau geworden. Meine Mutter führte mich am Schluß meiner Fastenzeit wieder nach Hause und veranstaltete ein großes Fest, wozu sie alle Bekannten und Verwandten einlud, denen sie dann die Geschichte ihrer Glückstochter in den freudigsten Worten mitteilte.
Das erstemal, daß ich von meiner Sehergabe Gebrauch machte, war, als wir am Oberen See lagen und beinahe verhungert waren, da sich nirgends Wild zeigte. Meine Freunde bedrängten mich täglich, doch Rat zu schaffen, und auch der Chief kam in dieser Angelegenheit mehrmals in die Wohnung meiner Mutter. Ich verordnete also, zuerst eine große Medizinhütte oder Dschischoka zu bauen und sie rundum mit den kostbarsten Fellen zu behängen.
Darauf versammelte sich das ganze Volk; ich schlug meine Trommel, sang meine Medizingesänge und legte den Kopf auf die Erde. Da hörte ich denn bald, wie die Luftgeister herbeigeeilt kamen und die Hütte von oben bis unten schüttelten – das sicherste Zeichen, daß sie bereit waren, meine Fragen zu beantworten. Die erste, die ich nun stellte, war natürlich, wo Wild zu finden sei.
»Ziehe westlich!« hieß die kurze Antwort, und gleich wurde das ganze Lager abgebrochen, und der Zug, mit den Jägern und den Kriegern an der Spitze, setzte sich in Bewegung.
Bald fand es sich, daß die Geister wahr gesprochen hatten, was mein Ansehen ungemein erhöhte und allen meinen zukünftigen Ratschlägen blinden Gehorsam sicherte.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas

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