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Märchenbasar

Von den drei guten Rathschlägen

Es war einmal ein Mann, der hatte eine Frau, die er von Herzen lieb hatte. Die Frau aber war guter Hoffnung. Da sprach sie eines Tages zu ihrem Mann: »Ach, lieber Mann, ich habe ein solches Gelüsten nach einem Stückchen Leber; ach, hätte ich doch ein Stückchen Leber.« »Wenn es weiter nichts ist, etwas Leber will ich dir schon verschaffen,« antwortete der Mann, und ging zu seinem Gevatter, der war Metzger. »Gevatter,« sprach er, »seid so gut und gebt mir einhalb Rottolo Leber, eure Gevatterin hat ein Gelüste danach.« »Gleich will ich euch bedienen, Gevatter, wartet nur einen Augenblick, bis ich diese Kunden abgefertigt habe.« Der Mann wartete und wartete; die Kunden gingen weg, es kamen andre, und der Gevatter gab ihm noch immer nicht sein Stück Leber. »Gevatter, so bedient mich doch, eure Gevatterin sitzt zu Hause und kann keine Ruhe finden vor Verlangen nach einem Stückchen Leber.« »Wartet nur noch ein wenig, Gevatter, bis ich diese Kunden abgefertigt habe,« antwortete der Metzger, und fuhr fort seine Kunden zu bedienen, einen nach dem andern, und nur seinen Gevatter ließ er warten. Da riß dem Mann endlich die Geduld. »Ist denn mein Geld nicht eben so gut als das der andern?« dachte er, ergriff einen großen Prügel und schlug damit dem Metzger den Schädel entzwei, daß er todt hinfiel. Als er aber den Metzger todt da liegen sah, wurde ihm doch bang zu Muthe, er lief nach Haus zu seiner Frau, und sprach: »Liebe Frau, ich muß weit, weit von hier, denn mir ist ein Unglück begegnet. Der Gevatter bediente immer alle die andern Kunden und nur mich nicht; ich aber dachte an dich, und es that mir Leid, daß du so lange warten solltest. Da riß mir die Geduld und ich schlug ihm seinen Schädel entzwei. Darum muß ich nun in die weite Welt wandern und dich allein lassen.« Die Frau jammerte und weinte, aber was half es? Sie mußte allein bleiben, und der Mann zog fort in die weite Welt.
Wie er nun so dahin zog, kam er auch nach Rom. Da dachte er: »Besser als hier ist es nirgends. Ich will hier bleiben und bei dem Pabst in Dienst treten.« Also verdingte er sich bei dem Pabst und diente ihm treu vierzig Jahre lang, und der Pabst hatte ihn von Herzen lieb.
Als aber die vierzig Jahre um waren, dachte er eines Tages: »Ich bin nun so lange Jahre von Hause weg gewesen und weiß nicht, ob meine Frau noch lebt und ob ich einen Sohn oder eine Tochter habe. Darum will ich in meine Heimath zurückkehren, nach so langer Zeit wird niemand mehr an den todten Metzger denken.« Da kam er zum Pabst und sprach: »Excellenz, ich habe euch so lange treu gedient; laßt mich nun auch in meine Heimath zurückkehren.« »Gut,« sprach der Pabst, »und weil du mir so lange treu gedient hast, so nimm hier dieses Geld.« Mit diesen Worten gab er ihm dreihundert Unzen. Der Mann dankte, steckte das Geld in die Tasche und küßte dem Pabst die Hand. Als er aber eben zur Thür hinausgehen wollte, rief ihn sein Herr zurück, und sprach: »Höre einmal, wenn ich dir einen guten Rath gebe, gibst du mir dann hundert Unzen dafür?« »Excellenz, nehmt was euch beliebt,« antwortete der Mann, und gab dem Pabst hundert Unzen zurück. Da sprach der Pabst: »Bedenke wohl, daß dieser gute Rath dich hundert Unzen kostet, darum merke ihn dir. Wenn dir unterwegs etwas Außergewöhnliches begegnet, so mache keine Bemerkungen darüber.« Der Mann versprach es, küßte dem Pabst die Hand, und wollte wieder gehen. Der Pabst aber rief ihn zum zweitenmal zurück, und sprach: »Wenn du mir wieder hundert Unzen gibst, so gebe ich dir noch einen guten Rath.« »Excellenz, thut wie es euch gefällt,« antwortete der Mann, und zählte wieder hundert Unzen auf den Tisch. Da sagte der Pabst: »Bedenke wohl, daß dieser gute Rath dich wieder hundert Unzen kostet, darum nimm meine Worte wohl in Acht. Du darfst keinen andern Weg zurückgehen, als eben denselben, den du hergekommen bist.« Der Mann küßte seinem Herrn die Hand und wollte zur Thür hinausgehen. Der Pabst aber rief ihn zum drittenmal zurück und sprach: »Gib mir noch einmal hundert Unzen, so will ich dir noch einen guten Rath geben.« »Excellenz, nehmt was ihr wollt,« antwortete der Mann, und gab auch die letzten hundert Unzen zurück. Da sprach der Pabst: »Höre wohl auf meine Worte und vergiß nicht, daß auch dieser Rath dich hundert Unzen kostet. Den Zorn, der dich am Abend ergreift, laß ruhen bis zum nächsten Morgen; wenn er dich am Morgen ergreift, so laß ihn ruhen bis zum Abend. Erinnere dich meiner Worte, sie werden dir nützen. Und nun, nachdem du mir vierzig Jahre gedient hast, kannst du auch noch einen Tag bei mir bleiben und mir einen großen Backofen voll Brot kneten und backen.« Da ging der Mann in die Küche und knetete schönes, weißes Brot; und der Pabst ließ heimlich die dreihundert Unzen in den größten Laib hinein verstecken, und mit dem übrigen Brot backen. Als nun der Mann den nächsten Tag kam, um Abschied zu nehmen, schenkte ihm der Pabst den Laib Brot und sprach: »Nimm dieses schöne weiße Brot mit und iß es, wenn du frohen Muthes bist.« Dann segnete er ihn und ließ ihn ziehen.
Der Mann wanderte nun immer vorwärts, seiner Heimath zu. Eines Tages, wie er so dahinging, wurde er hungrig, und da er ein Wirthshaus am Wege sah, trat er hinein, und bestellte sich etwas zu essen. Der Wirth brachte einen Teller Fisch, mit Brot und Wein, und stellte Alles vor ihn hin; daneben aber stellte er einen Todtenkopf. Der Mann wollte schon fragen, was das bedeute, da fiel ihm ein, wie der Pabst gesagt hatte: »Wenn dir etwas Außergewöhnliches begegnet, so mache keine Bemerkungen darüber,« und er schwieg. Als er nun gegessen hatte, sprach der Wirth zu ihm: »Du bist der erste, der mich nicht gefragt hat, wozu ich den Todtenkopf dahingestellt habe, und das hat dir das Leben gerettet. Ich will dir zeigen, was aus Denen geworden ist, die ihre Neugierde nicht zu zähmen vermochten.« Mit diesen Worten führte er ihn in einen dumpfen Keller, darin lagen viele Leichen und Todtengebeine, das waren die Leichen Derjenigen, die den Wirth gefragt hatten, warum er den Todtenkopf neben die Speisen stelle. Da dankte der Mann in seinem Herzen dem Pabst für den guten Rath und dachte: »Er hat mich zwar hundert Unzen gekostet, er hat mir aber auch das Leben gerettet.«
Nun zog er weiter, und wanderte wieder viele Tage. Da begegneten ihm eines Tages eine Menge Arbeiter, die gingen aufs Land, um den Flachs auszuziehen, und sprachen zu ihm: »Wollt ihr nach Catania? Warum geht ihr denn diesen Weg? Kommet doch mit uns, wir gehen einen viel kürzeren Weg.« Der Mann gedachte an den zweiten Rath des Pabstes, daß er auf demselben Wege zurückwandern müsse, auf dem er nach Rom gekommen sei, und antwortete: »Zieht ihr eure Straße, ich will die meine ziehen.« Kaum war er einen Miglio weit gegangen, so hörte er lautes Geschrei, das waren die armen Arbeiter, die von Räubern überfallen und ermordet worden waren. Da dachte er: »Dieser Rath hat mich freilich auch hundert Unzen gekostet, aber er hat mir das Leben gerettet. Gesegnet sei, der ihn mir gegeben hat!«
Endlich, nach einigen Tagen, kam er eines Abends spät in Catania an, und ging sogleich in das Haus, wo seine Frau vor vierzig Jahren gewohnt hatte. Nun hatte sie damals einen Sohn geboren, der war Geistlicher geworden, und lebte bei seiner Mutter. Als nun der Mann klopfte, lief der Sohn die Treppe hinunter, machte ihm auf, und frug ihn, was er wolle. Wie der Mann aber einen Geistlichen sah, überkam ihn ein großer Zorn, und er dachte: »Wer ist dieser Pfaffe, der bei meiner Frau lebt?« Und es hätte wenig gefehlt, so hätte er ihn ermordet. Da gedachte er aber des guten Rathes, den der Pabst ihm gegeben hatte: »Den Zorn, der dich am Abend ergreift, laß ruhen bis zum nächsten Morgen,« und er antwortete: »Ich bin ein armer Pilger, könnet ihr mir nicht ein Obdach geben?« Da führte ihn sein Sohn hinein, und in der Stube saß seine Frau, die er so lange nicht gesehen hatte. »Kommt herein, armer Mann,« sprach sie, »ruhet euch aus, bis ich das Abendessen bereitet habe.« Dann stellte sie das Abendessen auf den Tisch und lud ihn ein, mit ihnen zu essen.
Während des Essens sprach der Pilger: »Erzählet uns doch eine Geschichte, gute Frau; ihr wißt deren gewiß viele.« »Ach.« antwortete sie, »was sollte ich euch anderes erzählen können, als meine eigene traurige Geschichte, da ich so kurze Zeit nach meiner Heirath meinen Mann verloren habe.« »Wie war denn das?« »Ich war guter Hoffnung und sagte eines Tages zu meinem Mann, ich hätte so ein Gelüste nach einem Stückchen Leber. Da ging er hin, es zu kaufen, weil ihn aber der Metzger so lange warten ließ, nahm er im Zorn einen großen Prügel und schlug ihm den Schädel entzwei. Darauf mußte er fliehen, und ich habe seitdem vierzig Jahre nichts von ihm gehört. Als meine Stunde kam, gebar ich diesen Sohn, der Geistlicher geworden ist.«
Als der Mann hörte, der Geistliche sei sein eigner Sohn, dankte er im Herzen dem Pabst für seinen guten Rath. »Denn,« dachte er, »ich hätte im Zorn beinah ein großes Unglück angerichtet.« Dann sprach er: »Es ist doch merkwürdig, meine Geschichte gleicht ganz der eurigen, gute Frau. Ich war seit Kurzem verheirathet, und meine Frau war guter Hoffnung. Da sagte sie eines Tages: ‘Ach, lieber Mann, mich verlangt so nach einem Stückchen Leber; ach, hätte ich doch ein Stückchen Leber.’ Ich ging zum Metzger, um es ihr zu kaufen; der Metzger aber bediente alle seine Kunden und nur mich nicht, so daß mir endlich die Geduld ausging und ich ihm seinen Schädel entzwei schlug. Da mußte ich fliehen und meine arme Frau allein zurücklassen, und habe seitdem nichts von ihr gehört. Und jetzt, nach vierzig Jahren, bin ich wiedergekommen und will sehen, ob sie noch lebt.«
Während er diese Worte sprach, sah seine Frau ihn immer an und konnte ihre Augen nicht von ihm wegwenden, und als er seine Geschichte fertig erzählt hatte, erkannte sie ihn und umarmte ihn mit vielen Thränen und großer Freude. Da umarmte er auch seinen Sohn und freute sich, daß er ein so schöner großer Mann war.
Als sie sich nun ein wenig beruhigt hatten und weiter essen wollten, nahm der Mann aus seinem Quersack das Brot, das der Pabst ihm gegeben hatte, und sprach: »Dieses Brot ist Alles, was ich euch mitbringe, und der Pabst hat mir gesagt, ich solle es essen, wenn ich frohen Muthes wäre. Wann könnte ich nun froher und glücklicher sein als jetzt, wo ich euch wiedergefunden habe? Und darum wollen wir es jetzt verzehren.« Mit diesen Worten schnitt er es an, und siehe! da fielen die dreihundert Unzen heraus, und er war nun ein reicher Mann und lebte noch lange vergnügt und ohne Sorgen mit seiner Frau und seinem Sohn.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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