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Märchenbasar

Von der schönen Anna

Es waren einmal drei Schwestern, die waren alle drei sehr schön, aber die Jüngste war die allerschönste, die hieß Anna. Die drei Mädchen hatten weder Vater noch Mutter, und nährten sich von ihrer Hände Arbeit. Die Erste spann und haspelte das Garn, die Zweite wob die Leinwand, und die Jüngste nähte daraus Hemden und andere Wäsche.
Da sie nun eines Tages mit ihrer Arbeit vor der Hausthür saßen, kam der Königssohn vorbei, der wollte auf die Jagd gehen. Als er die drei schönen Mädchen sah, sprach er: »Wie schön ist die, welche haspelt, wie schön ist die, welche webt, doch die, welche näht, macht mich sterbenskrank.« Die beiden älteren Schwestern aber wurden neidisch, als sie hörten, daß der Königssohn ihre Schwester lieber hatte als sie, und die Aelteste sprach: »Morgen will ich nähen und Anna kann haspeln.« Als aber am andern Morgen der Königssohn wieder vorbeiritt, sprach er: »Wie schön ist die, welche näht, wie schön ist die, welche webt, doch die welche haspelt macht mich sterbenskrank.« Die Schwestern wurden noch viel neidischer, und am dritten Morgen mußte Anna weben. Aber der Königssohn sprach: »Wie schön ist die, welche näht, wie schön ist die, welche haspelt, doch die, welche webt macht mich sterbenskrank.« Da konnten die Schwestern die arme Anna gar nicht mehr leiden, und berathschlagten, wie sie sie verderben wollten. Sie beschlossen aber, sie in eine wilde, einsame Gegend zu führen, und sie dort allein zu lassen, daß sie den Weg nach Hause nicht wieder finden könne.
Also sprach die älteste Schwester zu Anna: »Anna, komm mit; wir haben hier etwas schmutzige Wäsche, die wollen wir in einem Bächlein waschen.« Anna war es zufrieden und so wanderten die Beiden fort. Als sie aber in eine wilde einsame Gegend kamen, sprach die Schwester: »Ach, Anna, ich habe vergessen die Seife mitzunehmen. Warte hier ein Weilchen auf mich, bis ich gehe sie zu holen.« Da setzte sich die schöne Anna hin und wartete auf ihre Schwester, und wartete und wartete, aber es kam Niemand. Da fing sie an bitterlich zu weinen und dachte: »Sie hat mich mit Absicht allein gelassen, damit ich sterben soll. So will ich denn nicht zu meinen Schwestern zurückkehren, sondern will in die weite Welt wandern, um mein Glück zu suchen.«
Also machte sie sich auf und wanderte, bis sie endlich an ein großes schönes Haus kam. Da klopfte sie an und eine Frau machte ihr auf und frug sie, was sie wolle. »Ach, gute Frau,« bat die schöne Anna, »laßt mich doch diese Nacht hier ruhen; ich bin ein armes Mädchen und stehe ganz allein in der Welt.« »Ach, du armes Kind,« rief die Frau, »wie bist du hierher gerathen? Wenn mein Mann dich findet, so frißt er dich. Ich habe aber Mitleid mit dir und will dich verstecken, vielleicht gelingt es mir ihn zu besänftigen.« Also versteckte die Frau die schöne Anna, und bald kam der Mann nach Haus, der brummte: »Ich rieche Menschenfleisch, ich rieche Menschenfleisch!« »Ach was,« antwortete die Frau, »du riechst auch immer Menschenfleisch. Das kommt davon, daß du schon so viel Menschen gefressen hast. Denke dir nur, heute ist ein Mädchen hier vorbeigekommen, das war schöner als die Sonne. Ich glaube, wenn du sie gesehen hättest, du hättest sie leben lassen.« Als sie nun sah, daß sich ihr Mann besänftigt hatte, holte sie die schöne Anna hervor, und die war so schön, daß der Menschenfresser sie von Herzen lieb gewann, und sie nicht fressen mochte. »Bleibe bei uns, du schönes Mädchen,« sprach er, »du sollst es gut haben.« Also blieb die schöne Anna bei dem Menschenfresser und seiner Frau und war wie das Kind vom Haus.
Nach einiger Zeit aber starb der Menschenfresser und bald nach ihm auch seine Frau. Da blieb die schöne Anna allein in dem großen Haus und alle die Schätze gehörten ihr. Als sie nun eines Tages am Balkon stand, ging eben ihre älteste Schwester vorbei, die erkannte sie sogleich und frug sie, wie es ihr gehe. »Es geht mir gut,« antwortete Anna, aber sie lud ihre Schwester nicht ein herauf zu kommen. »Hätte ich gewußt, daß ich dich hier treffen würde, so hätte ich dir ein Geschenk mitgebracht,« sprach die Schwester. »Danke,« antwortete Anna, »ich brauche aber Nichts und will von Niemand etwas geschenkt bekommen.« Da ging die Aelteste wieder nach Haus und sprach zur zweiten Schwester: »Denke dir, ich habe unsere Schwester Anna gesehen, die ist noch viel schöner geworden, und ist fein gekleidet und wohnt in einem großen Haus.« Da wurde das Herz der beiden Schwestern von Neid erfüllt und sie dachten, wie sie die arme Anna verderben könnten. Sie nahmen aber eine Traube und vergifteten sie, und am anderen Tag machte sich die älteste Schwester auf den Weg zur schönen Anna. Die saß oben auf der Terrasse und arbeitete. Als nun ihre Schwester sie sah, ging sie hinauf und rief ihr gar freundlich zu: »Ach, liebes Schwesterchen, wie freue ich mich dich wiederzusehen. Und was du so schön geworden bist! Sieh, ich habe dir auch eine schöne Traube mitgebracht, iß sie mir zu Liebe.« »Ich danke dir,« erwiederte Anna, »du siehst ich habe den ganzen Garten voll Trauben hängen, ich brauche die deinigen nicht.« Die Schwester aber ließ nicht nach sie zu bitten, bis Anna endlich eine Beere in den Mund steckte. In demselbigen Augenblick aber fiel sie um und war wie todt, und die Beere blieb ihr im Halse stecken. Da ließ die Schwester sie auf der Terrasse liegen und ging vergnügt nach Haus.
Nun begab es sich eines Tages, daß der Königssohn auf die Jagd ging und auch an dem Haus vorbeikam. Da er nun auf der Terrasse einen schönen Vogel sitzen sah, schoß er ihn, und der Vogel fiel auf die Terrasse. Da ging der Königssohn die Treppe hinauf und wanderte durch alle Zimmer, sah aber keine menschliche Seele. Als er aber auf die Terrasse kam, lag da ein wunderschönes Mädchen, und als er es genauer ansah, war es die schöne Anna. Da fing er an zu weinen und küßte sie und sprach: »Wie hübsch ist dieses Näschen, wie hübsch ist dieses Mündchen, doch dieses Hälschen macht mich sterbenskrank.« Als er aber dabei ihren Hals berührte, sprang die Beere heraus, und die schöne Anna schlug die Augen auf und war wieder lebendig. Da freute sich der Königssohn und sprach: »Du sollst meine Gemahlin sein.« Er hatte aber zu Hause eine böse Mutter, deßhalb konnte er die schöne Anna nicht auf sein Schloß bringen, sondern ließ sie in ihrem Haus, und jeden Tag wenn er auf die Jagd ging, kam er und besuchte sie. Nach einem Jahr gebar Anna ihren ersten Sohn, und weil er so wunderschön war, so nannte sie ihn: »Sonne.« Wieder nach einem Jahr gebar sie ein wunderschönes Mädchen und nannte es »Mond.« Die Kinder wuchsen einen Tag für zwei, und wurden immer schöner, ihre Mutter aber durfte noch immer nicht in das königliche Schloß kommen. Doch kam der Königssohn jeden Tag und besuchte sie. Einmal aber wurde er krank, so krank, daß er viele Tage im Bette bleiben mußte und nicht zu ihr konnte. Da sprach er immer: »O mein Sohn Sonne, o meine Tochter Mond, was macht Frau Anna so ganz allein?« Das hörte die alte Königin und ließ sogleich den vertrauten Diener ihres Sohnes rufen und sprach zu ihm: »Wenn du mir nicht sogleich sagst, von wem der König spricht, so reiße ich dir den Kopf ab.« Da gestand ihr der Diener Donna Anna sei die Frau des Königssohnes und Sonne und Mond seien seine Kinder. »Wohl,« sprach die Königin, so gehe augenblicklich hin zu Donna Anna und sage zu ihr: »Euer Mann hat seiner Mutter Alles gestanden und sie wünscht nun ihre kleinen Enkelchen zu sehen. Dann nimm die Kinder, ermorde sie und bringe mir Herz und Zunge zum Wahrzeichen.« Da ging der Diener traurig zur schönen Anna und sagte ihr, der Königssohn habe ihn geschickt seine Kinder zu holen, und die schöne Anna legte den Kindlein ihre schönsten Kleider an und übergab sie dem Diener. Der führte sie weg, aber als er sie ermorden sollte, erbarmte er sich der unschuldigen Kinder, also daß er sie leben ließ und sie zu seiner Mutter brachte. Der Königin überbrachte er Herz und Zunge von zwei jungen Zicklein.
Am anderen Morgen schickte die Königin ihn wieder hin, er solle nun die schöne Anna selbst in’s Schloß bringen. Die schöne Anna aber hatte drei Kleider, die waren mit Glöckchen besetzt, eins mit silbernen, eins mit goldenen und eins mit diamantenen Glöckchen. Die legte sie alle drei an, eins über das andere und ging so in’s Schloß. Im Schloßhof aber brannte ein großes Feuer, und darüber war ein Kessel mit siedendem Oel und daneben stand die alte Königin und befahl, man solle die arme Anna in’s siedende Oel werfen. Da warf die schöne Anna ihre drei Kleider ab und dabei läutete sie mit all ihren Glöckchen zugleich, das klang so lieblich und doch wieder so laut, daß der Königssohn es in seinem Zimmer hörte. Da sprang er heraus und sah, wie die Diener eben die schöne Anna ergreifen wollten, um sie in das siedende Oel zu werfen. »Haltet ein,« rief er, und befreite die schöne Anna aus ihren Händen, und statt ihrer ließ er die böse Königin in’s Oel werfen. Als er aber voll Freude seine Frau umarmte, rief sie: »Ach, wo sind denn meine lieben Kinder, die du gestern hast holen lassen?« »Ich habe meine Kinder nicht holen lassen,« rief der Königssohn ganz erschrocken, »das ist gewiß meine böse Mutter gewesen. O meine Kinder, meine lieben Kinder!« Da kam aber der Diener, warf sich dem Königssohn zu Füßen und bekannte Alles und sagte ihm, daß die Kindlein gesund und munter bei seiner Mutter wären. Als nun die Kinder geholt wurden, umarmten sie ihre Eltern voller Freude, und es wurden drei Tage Festlichkeiten gehalten, und der Königssohn wurde König und die schöne Anna Königin. Da blieben sie glücklich und zufrieden, wir aber gehen leer aus.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]