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Märchenbasar

Von Einem, der mit Hülfe des heiligen Joseph die Königstochter gewann

Es war einmal ein Mann, der war sehr reich und hatte drei Söhne. Als er nun zu sterben kam, vertheilte er sein Hab und Gut unter die drei Brüder, und gab Jedem gleich viel. Nun begab es sich, daß der König in seinem ganzen Reiche verkündigen ließ, wer ein Schiff bauen würde, welches zu Lande und zu Wasser fahren kann, der solle seine Tochter zur Frau bekommen. Da dachte der älteste Bruder: »Ich habe so großen Reichthum, so will ich denn versuchen, das Schiff zu bauen.« Also berief er alle Schiffsbaumeister aus dem ganzen Land, und ließ das Schiff bauen. Als nun aber auch alte Leute kamen und ihn frugen: »Meister, dürfen wir auch arbeiten, daß wir unser Brot verdienen?« so wies er sie mit harten Worten ab und sprach: »Euch kann ich nicht brauchen, ihr habt ja keine Kräfte mehr.« Dann kamen auch ganz junge Gesellen, und baten ihn um Arbeit, er aber antwortete: »Ich kann euch nicht gebrauchen, ihr seid ja noch so schwach.« Und wenn Arbeiter kamen, die nicht ganz geschickt waren, so jagte er sie mit harten Worten fort.
Endlich kam noch ein ganz altes Männchen mit einem langen, weißen Bart, das sprach zu ihm: »Willst du mich nicht auch arbeiten lassen, daß ich mein Brot verdiene?« Der Jüngling aber wies ihn fort, wie die andern.
Als nun das Schiff vollendet war, und abfahren sollte, that es auf einmal einen Knall, und das ganze Schiff fiel zusammen. Der Jüngling aber hatte nun gar nichts mehr, und war zum armen Manne geworden. Da kehrte er zu seinen Brüdern zurück, die nahmen ihn auf und behielten ihn bei sich. Der zweite Bruder aber dachte: »Mein Bruder hat es gewiß ungeschickt angefangen, daß ihm das Schiff zusammengefallen ist, nun will ich mein Glück versuchen, und wenn es mir gelingt, so ist die schöne Königstochter mein.« Also berief er wieder alle Schiffsbaumeister, und ließ sich ein neues Schiff bauen. Er war aber eben so hartherzig wie sein Bruder, und wenn Greise kamen, oder junge Gesellen, oder ungeschickte Arbeiter, so jagte er sie mit harten Worten fort. Zuletzt kam auch das alte Männchen mit dem langen weißen Bart und bat um Arbeit. Er aber wies es ab.
Als nun das Schiff vollendet war, that es wieder einen Knall, und das ganze Schiff fiel zusammen; der Zweite blieb eben so arm als sein älterer Bruder, und Beide mußten sich von dem Jüngsten ernähren lassen. Da dachte dieser: »Soll ich allein meine beiden Brüder ernähren? Ich will auch mein Glück versuchen; gelingt es mir, die schöne Königstochter zu erlangen, so habe ich genug für mich und meine Brüder; gelingt es mir nicht, so sind wir doch wenigstens alle drei gleich arm.« Also berief er wieder alle Schiffsbaumeister, die mußten ihm ein neues Schiff bauen. Da nun ganz alte Leute kamen, und ihn um Arbeit baten, antwortete er ihnen: »Gewiß, es ist Arbeit genug für Alle da, verdient euch nur euer Brot.« Und als Knaben kamen und ihn baten: »Meister, lasset uns arbeiten, daß wir unser Brot verdienen,« gab er ihnen auch Arbeit. Und selbst die ungeschickten Arbeiter wies er nicht zurück, sondern ließ sie arbeiten, und ihr Brot verdienen. Zuletzt kam noch das alte Männchen und bat: »Laß mich auch arbeiten, daß ich mein Brot verdiene.« Er aber antwortete: »Nein, alter Vater, ihr sollt nicht arbeiten, sondern ihr sollt Aufseher sein über die andern Arbeiter und sollt den ganzen Bau leiten.« Das alte Männchen aber war der heilige Joseph, der war gekommen, um dem Jüngling zu helfen, weil er so fromm war, und dem heiligen Joseph so ergeben, und Tag und Nacht ihm zu Ehren eine Lampe vor seinem Bette brennen ließ.
Als nun das Schiff vollendet war, sprach der heilige Joseph zum Jüngling: »Nun kannst du abreisen, und die schöne Königstochter holen, denn das Schiff kann zu Land und zu Wasser fahren.« »Ach, alter Vater,« bat der Jüngling, »verlaßt mich nicht und begleitet mich hin zum König.« »Gut,« sprach der heilige Joseph, »das will ich thun. Weißt du aber, was die Bedingung ist? Von Allem, was du erlangst, mußt du mir die Hälfte abgeben, es möge sein, was es wolle.« Das gelobte der Jüngling, und somit begaben sie sich auf die Reise. Und das Schiff fuhr sowohl auf dem Lande als auf dem Wasser. Der Jüngling aber fuhr fort, Tag und Nacht eine Lampe vor dem Bilde des heiligen Joseph zu brennen.
Als sie eine Strecke gefahren waren, sahen sie einen Mann, der stand im dichten Nebel und hatte einen großen Sack, den füllte er mit dem Nebel an. »O, alter Vater,« rief der Jüngling, »was thut denn der?« »Frage ihn,« antwortete der heilige Joseph. Da rief er ihm zu: »Was thust du da, schöner Bursche?« »Ich sammle Nebel in einen Sack, das ist meine Kunst.« »Frage ihn, ob er mitkommen will,« sprach der heilige Joseph. Da frug ihn der Jüngling, und der Mann antwortete: »Ja, wenn ihr mir zu essen und zu trinken gebt, so will ich mitkommen.« Also nahmen sie ihn mit auf das Schiff, und der Jüngling sagte: »Alter Vater, wir waren zwei, nun sind wir drei?« Nach einer Weile sahen sie einen Mann daher kommen, der hatte den halben Wald ausgerissen, und trug alle die Bäume auf seiner Schulter. »Alter Vater,« rief der Jüngling, »seht doch einmal den Mann an, der alle die Bäume trägt.« »Frage ihn, warum er alle die Bäume ausgerissen hat.« Da frug der Jüngling den Mann, der antwortete: »Ich habe mir eine kleine Hand voll Reisig gesammelt.« »Frage ihn, ob er mit uns kommen will,« sprach der heilige Joseph. Das that der Jüngling, und der Starke antwortete: »Ja, wenn ihr mir zu essen und zu trinken gebt, so will ich mitgehn.« Da nahmen sie ihn auf, und der Jüngling sagte: »Alter Vater, wir waren drei, nun sind wir vier.«
Als sie noch eine Strecke gefahren waren, sahen sie einen Mann, der trank aus einem Strome, und hatte schon fast den halben Strom ausgetrunken. »Alter Vater,« rief der Jüngling, »seht doch, wie der Mann trinken kann?« »Frage ihn, was er thut.« Da frug ihn der Jüngling, und der Mann antwortete: »Ich habe eben ein Tröpfchen Wasser getrunken.« »Frage ihn, ob er mitkommen will.« Das that der Jüngling, und der Mann antwortete: »Ja, wenn ihr mir zu essen und zu trinken gebt, so will ich mit euch gehn.« Also nahmen sie ihn auf und der Jüngling sagte: »Alter Vater, wir waren vier, nun sind wir fünf.« Wieder nach einem Weilchen sahen sie einen Mann, der stand an einem Bach, und zielte in das Wasser hinein. »Alter Vater,« sprach der Jüngling, »wonach zielt denn der Mann?« »Frage ihn selbst,« sprach der heilige Joseph. Da rief der Jüngling dem Manne zu: »Schöner Bursche, wonach zielst du?« »Pst! Pst!« sagte der Mann, und machte ihnen ein Zeichen, zu schweigen. Der Jüngling aber frug ihn noch einmal: »Wonach zielst du denn?« »Nun habt ihr sie verscheucht,« rief der Mann unwillig. »In der Unterwelt saß eine Wachtel auf dem Baum, die wollte ich schießen; denn das ist meine Kunst: ich treffe Alles, wonach ich ziele.« »Frage ihn, ob er mit uns kommen will.« Das that der Jüngling, und der Mann sagte: »Ja, wenn ihr mir zu essen und zu trinken gebt, so will ich mitkommen.« Da nahmen sie ihn ins Schiff, und der Jüngling sprach: »Alter Vater, wir waren fünf, nun sind wir sechs.«
Als sie nun wieder eine Strecke gefahren waren, sahen sie einen Mann, der kam des Weges daher und machte so lange Schritte, daß er mit dem einen Fuß bei Catania stand, und mit dem andern bei Messina. »Alter Vater, seht doch, wie lange Schritte der Mann macht!« »Frage ihn, was er thut.« Da frug der Jüngling den Mann, der antwortete: »Ich gehe ein wenig spazieren.« »Frage ihn, ob er mitkommen will.« Das that der Jüngling, und der Mann antwortete: »Wenn ihr mir zu essen und zu trinken gebt, so will ich mit euch gehen.« Da nahmen sie ihn auch noch auf, und der Jüngling sprach: »Alter Vater, wir waren sechs, nun sind wir sieben.« Der heilige Joseph aber wußte wohl, warum er die Alle mitnahm, und durch seine Macht fuhr das Schiff weiter, über Land und über Wasser. Selig der, den es trug!
Endlich kamen sie in der Stadt an, wo der König mit seiner schönen Tochter wohnte. Da fuhr der Jüngling vor den Palast, und trat vor den König und sprach: »Königliche Majestät, ich habe euren Wunsch erfüllt, und ein Schiff erbaut, das zu Land und zu Wasser fahren kann. Nun gebt mir auch den Lohn, der mir gebührt, nämlich eure Tochter.« Der König aber dachte: »Soll ich diesem Unbekannten meine Tochter geben? Ich weiß ja nicht ob er reich ist oder arm, ob ein Cavalier oder ein Bettler.« Also sann er darüber nach, wie er dem Jüngling seine Tochter vorenthalten könne, und sprach: »Es ist nicht genug, daß du das Schiff gebaut hast; du mußt noch eine Bedingung erfüllen, und mir einen Läufer schaffen, der im Stande sei, diesen Brief dem Grafen der Unterwelt zu überbringen und in Einer Stunde mit der Antwort zurück zu sein.« »Diese Bedingung war ja aber nicht dabei,« erwiderte der arme Jüngling. Der König antwortete: »Willst du die Bedingung nicht erfüllen, so gebe ich dir auch meine Tochter nicht.« Da ging der Jüngling ganz betrübt zum heiligen Joseph und sprach: »Alter Vater, der König will mir seine Tochter nicht geben, wenn ich ihm nicht einen Läufer schaffe, der im Stande sei, einen Brief zu dem Grafen der Unterwelt zu bringen, und in Einer Stunde mit der Antwort wieder da zu sein.« »Du Narr,« sprach der heilige Joseph, »nimm doch die Bedingung an; du kannst ja den Mann hinschicken, der mit einem Fuße bei Catania stand, und mit dem andern bei Messina.« Da ward der Jüngling froh und rief den Mann, und ging mit ihm zum König und sprach: »Ich will die Bedingung erfüllen, und hier ist der Läufer.« Also gab ihm der König einen Brief mit für den Grafen der Unterwelt, und der Mann ging mit großen Schritten fort. Als er nun an der Unterwelt angekommen war, sprach der Graf zu ihm: »Warte ein wenig, derweil ich die Antwort schreibe.« Er war aber so müde vom schnellen Laufen, daß er über dem Warten einschlief und das Heimgehn ganz vergaß.
Unterdessen wartete der Jüngling voll Angst und Sorge auf den Läufer, und schon war die Stunde beinahe verstrichen, und er kam immer nicht. Da sprach der heilige Joseph zu dem der Alles traf, wonach er zielte: »Sieh einmal nach, wo der Läufer so lange bleibt.« Der Mann schaute aus, und sagte dann: »Er ist noch in der Unterwelt, im Palast des Grafen, und schläft. Ich will ihn aber gleich wecken.« Da zielte er und schoß dem Läufer einen Pfeil ins Knie. Der erwachte sogleich, und da er sah, daß die Stunde schon beinah verronnen war, so sprang er auf, ließ sich die Antwort geben und lief so schnell zurück, daß er an den Hof kam, noch ehe die Stunde um war.
Nun war der Jüngling sehr froh; der König trachtete aber dennoch, wie er ihm die Tochter vorenthalten könnte, und sprach: »du hast die eine Bedingung erfüllt, es ist aber nicht genug. Nun mußt du mir auch einen Mann herbeischaffen, der im Stande ist meinen halben Keller in einem Tag auszutrinken.« »Diese Bedingung war aber nicht dabei,« klagte der arme Jüngling. »Willst du die Bedingung nicht erfüllen, so gebe ich dir meine Tochter nicht,« erwiderte der König. Da ging der Jüngling voll Trauer zum heiligen Joseph, und klagte ihm seine Noth. Der aber antwortete: »Du Narr, du kannst ja den Mann mitnehmen, der den halben Strom austrank.« Da rief der Jüngling den Mann herbei, und sprach zu ihm: »Getraust du dich wohl, den halben Keller auszutrinken?« »Gewiß, und wenn es noch einmal so viel wäre, ich bin so durstig,« antwortete der Mann. Nun gingen sie zum König, der führte sie in seinen Keller, und der Mann trank alle die Fässer leer, und trank Wein und Essig und Oel, – Alles, was sich im Keller befand. Da erschrak der König und sprach: »Ich kann dir meine Tochter nun nicht länger verweigern. Du mußt aber wissen, daß ich ihr nicht mehr Aussteuer gebe, als ein Mann tragen kann.« »Aber, Königliche Majestät,« sprach der Jüngling, »wenn ein Mann noch so stark ist, mehr als einen Centner kann er doch nicht tragen, und was ist das für eine Königstochter?« Der König aber bestand darauf: »Ich gebe ihr nur so viel mit, als ein Mann tragen kann; wenn du diese Bedingung nicht eingehen willst, so gebe ich dir auch meine Tochter nicht.«
Nun ging der Jüngling wieder ganz betrübt zum heiligen Joseph und sprach: »Der König will seiner Tochter nur so viel zur Aussteuer mitgeben, als ein Mann tragen kann. Nun habe ich mein ganzes Vermögen ausgegeben, um das Schiff zu bauen, und soll nun zu meinen Brüdern zurückkehren?« »Du Narr!« sprach der heilige Joseph, »rufe doch den Mann, der den halben Wald auf seinen Schultern trug.« Da ward der Jüngling sehr froh, und nahm den Mann mit, und sprach zu ihm: »Lade auf, so viel du nur kannst, den ganzen Palast mußt du mir ausräumen.« Das versprach der Mann, und lud auf seine Schultern, was er nur mitnehmen konnte: Schränke, Tische, Stühle, Gold und Silber, ja sogar des Königs goldne Krone, und als er den ganzen Palast ausgeräumt hatte, riß er auch noch das Thor aus den Angeln und packte es oben drauf. Das Alles trug er aufs Schiff und der Jüngling brachte die schöne Königstochter auch hin, und so fuhren sie fröhlich fort. Der König aber ergrimmte sehr, als er sich in seinem leeren Palast sah, und rief alle seine Kriegsschiffe zusammen und befahl seinen Soldaten, das Schiff zu verfolgen, und dem Jüngling alle die Schätze wieder abzunehmen.
Da nun die Kriegsschiffe das Schiff beinah eingeholt hatten, sprach der heilige Joseph zum Jüngling: »Sieh dich einmal um, und sage mir, was du siehst.« Als nun der Jüngling alle die Schiffe sah, erschrak er und rief: »Ach, alter Vater, ich sehe eine Menge Kriegsschiffe, die verfolgen uns, und haben uns schon beinahe eingeholt.« Da befahl der heilige Joseph dem Manne, der den Nebel gesammelt hatte, er solle seinen Sack öffnen, und alsbald erhob sich ein dichter Nebel, der das Schiff so einhüllte, daß die Soldaten es nicht mehr sahen und unverrichteter Sache zum König heimkehren mußten. Der heilige Joseph aber ließ durch seine Macht das Schiff weiter fahren, bis sie endlich glücklich zu Hause ankamen.
»So,« sprach der heilige Joseph, »jetzt bist du wieder zu Hause; nun erfülle aber auch dein Versprechen, und gieb mir die Hälfte von allen deinen Schätzen.« »Das will ich thun, alter Vater,« sagte der Jüngling, und theilte alle die Schätze in zwei ganz gleiche Theile. Zuletzt war nur noch die goldne Krone da; da zog er sein Schwert und hieb sie durch und gab die Hälfte auch noch dem heiligen Joseph. »Alter Vater,« sprach er, »nun habe ich Alles getheilt, und ist nichts mehr übrig.« »Wie so ist nichts mehr übrig?« frug der heilige Joseph, »du hast ja das Beste vergessen!« »Das Beste?« sprach der Jüngling; »alter Vater, ich sehe nichts mehr, was wir nicht getheilt hätten.« »Und die Königstochter?« frug der heilige Joseph; »lautete die Bedingung nicht also, daß wir Alles theilen müßten, was du erlangen würdest?« Da wurde der Jüngling tief betrübt, denn er hatte die schöne Königstochter von Herzen lieb gewonnen. Er dachte aber: »Ich habe es gelobt, und will mein Versprechen halten,« zückte sein Schwert, und wollte die schöne Königstochter auch in zwei Stücke hauen. Als aber der heilige Joseph sein frommes, einfältiges Herz sah, rief er: »Halt ein! die schöne Königstochter ist dein, und alle die Schätze auch, denn ich bin der heilige Joseph und bedarf ihrer nicht. Ich habe dir geholfen, weil ich dein frommes, demüthiges Herz erkannt habe. Wenn du in der Noth sein wirst, so wende dich nur immer an mich, ich will dir helfen.« Darauf segnete er sie Beide, und verschwand. Der Jüngling aber heirathete die schöne Königstochter, und nahm auch seine Brüder zu sich, und blieb immer ein Ergebener des heiligen Joseph, dem zu Ehren er Tag und Nacht eine Lampe brennen ließ.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]