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Märchenbasar

Von einem Fisch geboren

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In einem Hause waren sechs Kinder, drei Jungen und drei Mädchen, die waren von einem Fisch geboren. Als die Mädchen einmal hingingen, um ihre Blumen zu begießen, da kam ein schrecklicher Wirbelwind und nahm alle Mädchen mit. Erst zog der älteste Bruder aus, seine Schwestern zu suchen, und war nach drei Jahren noch nicht heimgekommen. Dann ging der mittlere Bruder, sie zu suchen, der kam auch nicht wieder und war drei Jahre fort, als seit dem Auszug des ältesten bereits sechs Jahre verflossen waren. Der jüngste Bruder war ein Schwachkopf; er arbeitete auch nicht, nur hin und wieder brachte er Holz ins Haus, wenn es die Mutter befahl. Der sagte: »Mutter, ich will auch hingehen und meine Schwestern suchen.« Die Mutter antwortete: »Das hätte noch gefehlt, daß du auch fortgingest! Dann hätte ich ja von keinem etwas, nachdem ich euch großgezogen habe.« – »Ich geh‘ aber doch«, sagte der Junge und machte sich auf den Weg. Er kam zu einer Schmiede, ging hinein und fragte den Schmied: »Habt Ihr eilige Arbeit?« – »Die hätte ich schon, aber doch nicht so außergewöhnlich eilige. Was möchtest du denn?« – »Ich wollte Euch bitten, mir ein Paar Holzschuhe zu machen, einen eisernen Stock und auch einige Ketten.« – »Was für Holzschuhe soll ich dir denn machen? Die macht gewöhnlich der Holzschuster.« Da bat ihn der Bursche, ihm Schuhe aus Eisen zu machen, die zusammen zehn Liespfund1 wögen, ein jeder fünf Liespfund, einen eisernen Stock und tausendfünfhundert Klafter eiserne Ketten. Das tat der Schmied. Der Junge zog die Schuhe an, nahm den Stock in die Hand und die Ketten auf den Rücken. Schließlich kam er an den Fuß eines großen Berges und sah seine Brüder, die unten am Berge standen und hinaufguckten. Der eine hatte Haare, die bis auf die Erde schleiften, weil sie nicht geschnitten worden waren, und dem anderen wuchs Renntiermoos auf dem Kopf.
Da fragte der jüngste Bruder: »Was steht ihr denn hier unten?« Die Brüder erwiderten: »Wie sollen wir denn da hinaufkommen?« Da warf der Jüngste die Eisenketten bis oben hinauf auf den Berg, und sie blieben dort hängen, dann nahm er seinen Stock in die Hand und ging hinauf.
Aber noch bevor er auf dem Berg angelangt war, war die Spitze von den Schuhen abgelaufen und der Stock um die Hälfte kleiner geworden. Oben angelangt, ließ er die Ketten liegen und ging auf dem Bergrücken weiter. Es war ein schöner flacher Heideberg. Als er ein Stück gegangen war, kam er an ein messingnes Haus, das sich rasend schnell herumdrehte. Er sagte etwas zu dem Hause, da blieb es stehen. Dort war seine jüngste Schwester, die ihn begrüßte: »Guten Tag, Bruder! Wo kommst du denn her?« – »Einerlei, wo ich herkomme, mach nur die Tür auf!« – »Geh dreimal gegen die Sonne ums Haus herum, dann wirst du das Schlüsselloch finden.« Das tat er und fand es auch. Als er hereingekommen war, sagte die Schwester: »Wenn mein Mann nach Hause kommt, wird er dich auf der Stelle töten.« Da antwortete der Bruder: »Wer feig ist, fürchtet sich vor allem.« Der Mann kam aus dem Wald nach Hause, begrüßte ihn gleich und sagte: »Wie bist du denn hier heraufgekommen?« – »Einerlei, wie ich heraufgekommen bin«, antwortete er, »ich bin eben da.« Da drückte ihm der Mann die Hand. Der Bruder aber packte ebenfalls zu und sprach: »Ich bin auch aus Fischknochen gemacht.« Da ging dem Manne gleich der Mund auf, und das Wasser trat ihm in die Augen. Dann tranken sie zusammen. Der Junge trank in einem fort, doch goß er sich den Branntwein jedesmal unters Kinn. Der Mann seiner Schwester aber wurde tüchtig betrunken. Dann machten sie einen Vertrag, daß, wenn einer von ihnen beiden stürbe, der andere ihm zu Hilfe kommen sollte, und sie vereinbarten als ein Zeichen, daß sie in ihr Taschentuch Blut tröpfeln wollten, und wenn einer von ihnen stürbe, sollte das Blut aus dem Taschentuch desjenigen verschwinden, der am Leben bliebe.
Der Bruder ging weiter und kam an ein silbernes Haus, dort war seine mittlere Schwester. Das Schlüsselloch fand er auf dieselbe Weise, und die Schwester stellte dieselbe Frage an ihn. Dann ging er hinein, und der Mann war ebenfalls von Hause fort. Die Schwester sagte: »Wenn mein Mann heimkommt, wird er dich auf der Stelle töten.« Darauf erwiderte er: »Wer feig ist, fürchtet sich vor allem.« Der Mann kam nach Hause, begrüßte ihn sogleich und drückte ihm ganz fürchterlich die Hand, aber der Junge drückte noch fester. Danach wurde in gleicher Weise Branntwein getrunken. Jedesmal, wenn der Bruder einen Schluck nahm, tat er bloß, als ob er trinke. Danach schlossen sie den gleichen Vertrag.
Danach machte sich der Bruder auf, seine dritte Schwester zu suchen. Er kam zu einem goldenen Haus, das sich ebenso geschwind drehte wie das erste. Er öffnete es auf dieselbe Weise, und dort war seine älteste Schwester. Die seufzte: »O je! Wie es dir ergehen wird!« Er aber antwortete: »Wer feig ist, fürchtet sich vor allem.« Dann kam der Mann nach Hause, begrüßte ihn und drückte ihn so fürchterlich, daß ihm angst und bange wurde. So drückten sie sich, und der Böse bekam ihn zuletzt auf die Knie. Da fiel dem Jungen ein, daß er sagen mußte: »Ich bin auch aus Fischknochen gemacht«, und da gewann er gleich die Oberhand, und der Böse wollte einen Vertrag machen. Sie gaben sich das Zeichen im Taschentuch. Dann erzählte der Bruder, daß er seine Schwester mit nach Hause nehmen wollte. Der Böse sprach: »Ich bin stark, aber du bist noch stärker. Wir sind drei starke Brüder, aber hier gibt es ein Mädchen, mit dem wir es alle drei nicht aufzunehmen wagen.« Da meinte der Junge: »Ich gehe allein.« Der Böse gab ihm Bescheid, wo das Mädchen war, und sagte: »Sieh nur zu, daß du mit dem Leben davonkommst!«
Der Junge ging und fand die Kate, wo das starke Mädchen wohnte, er blickte durch den Türspalt und sah, daß das Mädchen eingeschlafen war. Aber er getraute sich noch nicht hineinzugehen. Schließlich stürmte er doch hinein, packte die beiden Bettseiten und drückte das Mädchen mit der Brust gegen das Bett. Das Mädchen erschrak und fing an zu schreien: »Wenn du ein Vater bist, so bist du mein Vater, wenn du eine Mutter bist, so bist du meine Mutter, bist du ein Bruder, so bist du mein Bruder, bist du eine Schwester, so bist du meine Schwester, und wenn du mir noch zum Manne bestimmt bist, so bist du mein Mann.« Der Junge ließ sie dann los, und sie versöhnten sich, weil das Mädchen mit einem Eide versicherte, daß sie ihn nehmen wolle, wer er auch sei.
Das Mädchen zog jeden Tag in den Krieg. Es war nämlich dort ein Schmied, der jede Nacht dreihundert Soldaten machte, und wenn das Mädchen diese nicht am Tage immer getötet hätte, wären es ihrer so viele geworden, daß sie das Mädchen zuletzt bezwungen hätten. In der Kate des Mädchens waren mehrere Kammern, und das Mädchen sagte: »In alle Kammern darfst du gehen, aber in jene Kammer dort geh nicht hinein!« Der Junge blieb den Tag über dort. Als das Mädchen am Abend aus dem Kriege kam, versuchte der Junge ihr Schwert, aber es war so schwer, daß er es nicht einmal hin und her bewegen konnte. Das Mädchen zog den dritten Tag in den Krieg, und jeden Tag verbot sie dem Jungen von neuem, in die Kammer zu gehen. Am dritten Tage dachte er: ‚Ich will bloß einmal hineinsehen‘, und das tat er. Dort hingen Tiere von jeder Art, die es auf der Welt gibt. Einige hingen an den Beinen, andere an den Hörnern; und sie waren lebendig. Sie baten ihn alle, sie loszumachen. Er machte in seiner Gutmütigkeit eins von ihnen frei, und dieses machte ein anderes frei, und dann befreiten sich die übrigen untereinander. Sie töteten den Jungen und warfen ihn in einen Fluß.
Als nun das Mädchen nach Hause kam, wurde sie sehr traurig, denn sie hatte den Jungen gern gehabt. Aus den Taschentüchern der Brüder aber verschwanden die Blutstropfen. Da machten sie sich alle auf, den Jungen zu suchen. Jeder der Brüder verwandelte sich: der eine in eine Schlange, der andere in eine Maus und der dritte in einen Fisch. Der eine ging in den Fluß, die anderen gingen in der Erde unter den Häusern her und sonstwohin. Der sich zum Fisch gemacht hatte, fand den Jungen im Fluß. Die Tiere hatten ihn so geschüttelt, daß seine Knochen nicht mehr zusammensaßen. Aber das Mädchen hatte eine Flasche, und mit dem Inhalt der Flasche salbten sie den Körper des Jungen, da wurde er wieder lebendig und er war so viel kräftiger als zuvor, daß er mit dem kleinen Finger das Schwert des Mädchens schwenken konnte, wie er wollte, obgleich er es früher nicht hatte bewegen können.
Der Junge blieb bei dem Mädchen und bat: »Willst du mich jetzt nicht einmal in den Krieg ziehen lassen?« – »Nein, ich lasse dich nicht, sie möchten dich töten, du wirst nicht mit ihnen fertigwerden.« Aber er sagte: »Ich will es versuchen.« Da erlaubte sie es ihm schließlich doch, und er zog in den Krieg. Er ging zuerst in die Schmiede und fragte den Schmied: »Habt Ihr einen Lehrjungen nötig?« – »Ich könnte wohl einen brauchen«, antwortete der Schmied, »ich bin schon alt und schwach, es will mir nicht mehr recht von der Hand gehen.« Er sprach: »Ich bin das Schmiedehandwerk gewöhnt, ich mache neue Köpfe und, wenn es nötig ist, einen ganzen Menschen. Aber mit dem Werkzeug, das Ihr da habt, kann ich nichts anfangen.« Er sah sich dabei nach dem größten Hammer um und sagte zu dem Schmied: »Legt Euren Kopf auf den Amboß.« Das tat der Schmied. Da nahm der Junge den allergrößten Hammer und holte so aus, daß die Schädelknochen nur so flogen. Dann kam er nach Hause und sagte: »Ich habe dem Schmied einen neuen Kopf gemacht, jetzt brauchst du nicht mehr in den Krieg zu ziehen.«
Hierauf blieben sie dort in der Kate, und der Junge meinte: »Sollen wir nicht auch einmal in meine Heimat gehen?« – »Das können wir«, sagte das Mädchen. Da holte der Bruder seine Schwestern aus jedem Hause, und sie machten sich auf den Weg. Sie kamen an den Rand des Bergrückens, und er ließ mit Hilfe der Ketten seine Schwestern zuerst den Berg hinunter. Danach das Mädchen. Aber gleich, nachdem er seine Braut hinuntergelassen hatte, freuten sich die Brüder und rissen die Ketten entzwei. Darauf nahmen sie ihre Schwestern mit nach Hause und das Mädchen auch.
Der Junge war viele Jahre auf dem Berg. Haar und Bart waren ihm schrecklich lang gewachsen, und er trug Kleider aus Renntierfell. Da sah er endlich unten am Berge einen großen, schwarzen alten Mann gehen. Sein Bart schleifte den Boden, und der Alte war blind. Der da oben bat ihn, ihm doch hinunterzuhelfen. Der Alte band seinen Bart an einen Baum, trat ein Stück beiseite und sagte: »Spring da drauf, du wirst wohl nicht davon sterben, wenn du auf den weichen Bart springst!« Das tat er und kam gut hinunter. Er hatte aber noch von der Salbe bei sich, die ihn wieder lebendig gemacht hatte, damit bestrich er die Augen des Greises, und er konnte wieder sehen. Da sagte der Alte zu ihm: »Eile schnell heim, denn ein anderer will deine Braut freien.« – Das Mädchen hatte viele Jahre auf ihn gewartet, aber weil er nicht gekommen war, hatte sie eingewilligt, dem andern die Hand zu geben. – Da eilte er mit Riesenschritten hin. Daheim feierten sie schon die Hochzeit. Als er zu dem Hochzeitshaus kam, ging er nicht hinein, sondern schlich sich in die Badestube. Hier legte er sich auf die Pritsche. Und eine Magd kam daher, die meldete: »Dort in der Badestube ist der Teufel.« Da kamen alle gelaufen. Die Braut aber erkannte ihn sogleich und besorgte ihm gute Kleider, nahm ihm den Bart ab und säuberte ihn. – So ging es, und aus der Hochzeit wurde nichts. Der Junge bekam das Mädchen, und die Bösewichter warf er zur Hintertür hinaus.

[Finnland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]

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