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Märchenbasar

Was ist besser: Wahrheit oder Lüge?

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Ein Mann diente für einen Silbergroschen. Er war ein guter und rechtschaffener Mensch ohne jegliche Falschheit. Als er für einen Groschen ein Jahr gedient hatte, ging er fort. Er kam auf eine Brücke, die über den Fluß führte, warf den Groschen ins Wasser und sprach: »Wenn ich diesen Sommer mehr Lohn bekomme, so mag der Silberling wieder heraufkommen, wenn nicht, mag er auf den Grund fallen.« Der Groschen fiel ins Wasser und blieb auf dem Grunde. Er ging ein zweites Jahr hin, diente für einen Silbergroschen und sprach: »Gut kann ich zwar nicht leben, aber ich will noch dieses zweite Jahr dienen.« Als das Jahr um war, ließ er den Groschen wieder von der Brücke auf den Grund fallen. Und er ging hin und diente noch ein drittes Jahr für einen Groschen. ‚Warum sind nur die zwei Silberlinge auf dem Grunde geblieben?‘ Als er das dritte Jahr abgedient hatte, bekam er den dritten Groschen. Und wie er ihn bekommen hatte, sagten sie zu ihm: »Vergelt’s Gott.« Da warf er auch den dritten Silbergroschen ins Wasser, aber der brachte die beiden andern vom Grund in die Höhe. Da nahm er sein Geld und ging fort.
Unterwegs begegnete ihm ein Mann, mit dem begann er darüber zu streiten, was besser in der Welt sei: Wahrheit oder Lüge. Er, der für drei Groschen als Knecht gedient hatte, sagte: »Die Wahrheit ist besser.« Aber der andere sprach: »Die Lüge ist besser.« Wer von ihnen beiden unrecht hatte, der sollte ins Meer gehen. Das hörte ein Mann und kam dahin, wo die beiden stritten. Da fragten sie den Mann: »Was ist besser in der Welt: Wahrheit oder Lüge?« Aber der Mann war schlecht, der ihnen zugehört hatte, und sprach: »Die Lüge ist besser.« – »Du mußt ins Meer«, rief der andere, »weil die Wahrheit schlechter ist als die Lüge!« Da mußte er gehen, weil es so bestimmt war. Der für drei Silbergroschen gedient hatte, mußte ins Meer. Und er ging hin und weinte.
Am Ufer des Meeres aber stand ein alter Mann mit einer Holzschaufel in der Hand. Der fragte ihn: »Wohin willst du denn?« Er antwortete: »Ich will ins Meer.« – »Warum willst du denn ins Meer?« – »Weil die Wahrheit in der Welt für schlechter gilt als die Lüge.« Da gab ihm der Alte seine Schaufel und sprach: »Setz dich auf die Schaufel, wohin sie dich trägt, dahin gehe, sie läßt dich nicht untergehn.« Und er setzte sich auf die Schaufel, die flog wie ein Pfeil über das Wasser bis zu einer Insel. Auf der Insel stand ein stattlicher, großer Baum, eine Kiefer. Und der Mann stieg für die Nacht auf die Kiefer, denn schon wurde es dunkel.
Da flogen viele Teufel umher, und drei Teufel machten unter dem Baum ein Feuer an. Sie setzten sich um das Feuer und erzählten einander, wo sie den Tag über herumgegangen und -geflogen waren. Der erste Teufel begann: »Ich kam über ein prächtiges Land, ein köstlicher Duft erfüllte den Boden, dort habe ich keine Menschen verführen können.« Der zweite sprach: »Ich habe viele verführt, unter die Kinder trug ich Streit, das ganze Dorf kam in Uneinigkeit durch mich.« Dann prahlte der dritte: »Ich habe es gut gemacht, ich nahm der Königstochter beim Abendmahl das geweihte Brot aus dem Munde, und darüber wurde sie verrückt.« – »Nun«, fragten die andern, »wie kann sie denn wieder gesund werden?« Da sprach der Teufel: »Wenn sie eine Kirche bauten und in die Kirche eine Schmiede und brächten sechs Schmiede dorthin, die mich als Kröte unter der Kirchensäule wegnähmen, ins Feuer würfen und auf mir herumhämmerten, bis ich das geweihte Brot hergäbe, dann würde die Königstochter wieder gesund; der Pfarrer segnete das Brot und gäbe es dem Mädchen zurück.«
Da wurde es Tag, und die Teufel flogen wieder davon. Der Mann ließ sich vom Baum herunter, setzte seine Mütze auf, ging wieder zum Ufer und erzählte dem Alten, was er erlebt hatte. Da riet ihm der Alte: »Geh zum König!« Er ging zum König und gab ihm Bescheid, wie seine Tochter gesund werden könnte. Sie bauten eine Schmiede und hämmerten den Teufel und bekamen das geweihte Brot zurück. Dann reichten sie es dem Mädchen, das Mädchen genas, und der König gab seine Tochter dem armen Manne zur Frau, und er wurde steinreich.
Eines Tages begegnete ihm der Mann, mit dem er auf der Landstraße gestritten und der ihn ins Wasser gejagt hatte, der fragte ihn: »Woher hast du denn die schönen Pferde?« – »Die habe ich aus dem Meere«, gab er zur Antwort. »Weil du mich ins Meer gejagt hast, bin ich steinreich geworden.« Da bat der Mann: »Zeig mir doch nur, wie du hineingegangen bist, so will ich auch hineingehen.« Er sprach: »Geh an den Strand, dort sitzt ein alter Mann, der gibt dir eine Schippe.« Er ging ans Ufer und bekam eine Schippe, dieselbe, die der andere auch gehabt hatte. Damit gelangte er auf die Insel, und er stieg auf den Baum, wo der andere auch gesessen hatte. Da kamen die Teufel wieder geflogen und guckten nach dem Baum. Sie sahen den Mann im Baume sitzen und riefen ihm zu: »Komm herunter!« Aber er wollte nicht kommen. Als er dann schließlich doch herunterkam, packten ihn die Teufel und fraßen ihn auf. »Du hast uns zu viel Böses getan. Daß sie mich gehämmert haben, bis ich das geweihte Brot fortgeben mußte, das sollst du mit dem Leben büßen.«

[Finnland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]

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