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Märchenbasar

Von Joseph dem Gerechten

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Es war einmal ein großer König, der hatte drei Söhne, von denen hieß der Jüngste Joseph. Der König aber hatte diesen Sohn lieber als seine Brüder, also daß diese von Neid erfüllt wurden. Nun hatte der König große Güter in der Chiana, und mußte oft seine Söhne hinschicken, um nachzusehen, wie das Getreide stand und wie die Ochsen und Pferde gediehen. Er schickte aber nur immer seine beiden älteren Söhne, den Jüngsten behielt er bei sich. Da sprachen eines Tages seine Söhne zu ihm: »Vater, immer müssen wir in die Chiana gehn und Joseph bleibt in Ruhe zu Haus. Lasset ihn uns einmal begleiten, sonst ist es ein Zeichen, daß ihr ihn lieber habt als uns.« »O, meine Söhne,« antwortete der König, »ich habe euch Alle gleich lieb, denn ihr seid ja Alle meine Kinder, aber euer Bruder ist noch so jung, und ich fürchte mich, die wilden Thiere möchten ihn fressen.« »Und für uns fürchtet ihr nichts, Vater? Nun sehn wir erst recht, daß euch unser Bruder lieber ist als wir.« Was konnte der König thun? Um seine Söhne zufrieden zu stellen, rief er den kleinen Joseph und sprach zu ihm: »Deine Brüder müssen wieder in die Chiana und du mein Sohn, sollst sie begleiten.«
Also zogen die drei Brüder miteinander fort in die Chiana. Das Herz der Brüder aber war von Neid und Zorn erfüllt und der Aelteste sprach zum Zweiten: »Ich kann unsern Bruder nicht mehr vor Augen sehn; darum wollen wir ihn in diesen leeren Brunnen werfen, daß er vor Hunger sterbe.« Da banden sie den armen Joseph an einen langen Strick und ließen ihn in den Brunnen hinab und warteten oben, bis er todt sein würde.
Während sie nun so da saßen, kam ein mächtiger König vorbei, der war viel mächtiger als ihr Vater und frug sie: »Was thut ihr da an dem Brunnen?« Sie antworteten: »Wir müssen diesen Knaben bewachen, denn er soll sterben.« Als nun der König in den Brunnen hineinschaute und den wunderschönen Knaben sah, empfand er Mitleid mit ihm und sprach: »Ziehet ihn doch herauf, so will ich ihn kaufen.« Da zogen die beiden Königssöhne ihren Bruder heraus, und der König gab ihnen viel Geld und nahm den armen Joseph mit. Die Brüder aber nahmen ihm sein Hemd fort, schlachteten eine Ziege und tauchten das Hemd in das Blut.
Als sie wieder nach Hause kamen, rief ihnen der König gleich entgegen: »Wo ist euer Bruder Joseph?« »Ach, Vater!« antworteten sie: »die wilden Thiere haben ihn gefressen, sehet hier sein blutiges Hemde.« Denkt euch nun den Schmerz des armen Vaters. Er zerschlug sich die Brust, raufte sich das Haar aus und jammerte: »Ach, mein Sohn, mein lieber Sohn, bist du von den wilden Thieren gefressen worden.« – Lassen wir nun den Vater und sehn wir, was aus dem Sohn geworden ist.
Der mächtige König nahm ihn mit in sein Land und ließ ihn in Allem unterrichten; und Joseph wuchs heran und wurde der weiseste und gerechteste Mann im Lande, und der König setzte ihn über alle seine Güter und nannte ihn Joseph den Gerechten.1
So vergingen viele Jahre; da kam eines Tages Joseph zum König und sprach: »Königliche Majestät, höret auf meine Worte und befolget meinen Rath. Es werden sieben Jahre kommen, so fruchtbar, daß man gar nicht wissen wird, was man mit all dem Korn thun soll. Laßt während dieser sieben Jahre große Magazine bauen und mit Korn füllen, denn nachher werden sieben ganz schlechte Jahre kommen, in denen wird Alles zu Grunde gehn, und wenn ihr nicht vorher Korn gesammelt habt, müßt ihr Hungers sterben, ihr und euer ganzes Volk.« Und wie Joseph vorhergesagt hatte, so geschah es.
Es kamen sieben Jahre, in denen Alles gedieh und es wuchs so viel Korn, daß man gar keinen Raum mehr hatte, um Alles zu sammeln. Da ließ der König große Magazine bauen und füllte sie mit Korn, wie Joseph ihm empfohlen hatte. Nach dem sieben fruchtbaren Jahren kamen aber sieben Jahre, die waren so schlecht, daß gar nichts reif wurde; kein Weizen, keine Gerste, keine Früchte, nichts. Da entstand eine große Theurung in allen Ländern, der König aber setzte seinen treuen Joseph über alle die Kornvorräthe und ließ überall verkünden, in seinem Lande sei viel Korn, Jedermann könne kommen und kaufen, und aus allen Ländern kamen die Leute und kauften Korn.
Da sprach auch der andre König, Joseph’s Vater, zu seinen Söhnen: »Liebe Söhne, in unserm Lande ist kein Korn mehr. Darum ziehet hin in das und das Land, wo der König Korn gesammelt hat und kaufet Korn für uns ein.« Die beiden Söhne machten sich auf und zogen in das Land.
Als sie nun vor Joseph den Gerechten geführt wurden, erkannten sie ihn nicht; er aber erkannte sie wohl und frug sie: »Was wollt Ihr?« »Hoheit, wir sind gekommen, um Korn einzukaufen.« Da ließ ihnen Joseph ihre Säcke mit dem schönsten Korn füllen, und gab ihnen zu essen und zu trinken, lud sie ein an seinem Tisch zu sitzen, und war über die Maßen freundlich mit ihnen.
Als sie nun gegessen und getrunken hatten, sprachen die beiden Brüder: »Nun müssen wir wieder in unser Land zu unserm Vater ziehn.« Da nahm Joseph seine goldne Tasse, und steckte sie heimlich in einen von den Kornsäcken, und ließ seine Brüder ziehn.
Als sie aber kaum einen Miglio weit weg waren, setzte er ihnen mit seinen Dienern nach, und wie er sie eingeholt hatte, sprach er: »Was, so vergeltet ihr meine Freundlichkeit! Ich habe euch wie meine besten Freunde empfangen, und ihr stehlt mir meine goldne Tasse?« Die Brüder waren sehr erschrocken und sprachen: »Ach, Herr, wir haben euch nichts gestohlen, denn wir sind ehrliche Leute. Wenn ihr aber wollet, so durchsuchet unsere Säcke.« »Gewiß will ich das,« rief Joseph, und durchsuchte selbst die Säcke, und gleich im ersten fand er die Tasse. Denkt euch nun, wie die Königsöhne da standen, Joseph aber rief: »Da seht ihr selbst, wie ihr mir vergolten habt. Darum muß einer von Euch im Gefängniß bleiben, der andre aber soll nach Hause zurückkehren und euren Vater rufen, daß ich mit ihm spreche.« Also blieb der eine Königssohn im Gefängniß, der andere aber kehrte in seine Heimath zurück.
Als ihn nun der König allein zurückkehren sah, frug er ihn gleich: »Wo ist dein Bruder?« Da erzählte ihm der Sohn Alles, was vorgeallen war, der König aber fing laut an zu weinen und zu jammern: »Soll ich denn alle meine Kinder verlieren? Der Eine ist von den wilden Thieren zerrissen worden, der andre sitzt im Gefängniß; ach, ich armer, unglücklicher Vater!« Dann machte er sich auf, und zog mit seinem Sohn in jenes Land, wo Joseph wohnte.
Als er vor Joseph geführt wurde, wollte er vor ihm niederfallen; Joseph aber hob ihn auf, und sein Herz zitterte ihm, als er seinen alten Vater wieder sah. Da erzählte ihm der König, wie er seinen jüngsten Sohn verloren habe, und wie er nun so unglücklich sei, da auch sein zweiter Sohn in Gefahr schwebe, und bat für ihn. Joseph aber konnte sich nicht länger halten und rief: »Wünschet ihr wohl, euren jüngsten Sohn wiederzusehen?« »Ach, wenn Gott das doch zuließe,« antwortete der alte König. Da rief Joseph: »Lieber Vater, ich bin euer jüngster Sohn, Joseph; denn die wilden Thiere haben mich nicht gefressen, sondern meine Brüder haben mich dem König verkauft, dem ich nun diene.« Als seine Brüder dies hörten, fielen sie vor ihm nieder, denn sie dachten, nun würde sich Joseph an ihnen rächen. Er aber hob sie auf, und umarmte sie, und verzieh ihnen Alles. Dann ging er zum König und erzählte ihm, wie er seinen Vater wiedergefunden habe, und nun mit ihm ziehen wolle, und nahm Abschied von ihm. Und so zogen sie denn wieder in ihre Heimath, und lebten glücklich und zufrieden, wir aber sind leer ausgegangen.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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