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Märchenbasar

Von Paperarello

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten einen einzigen Sohn. Die Königin war aber eine böse Frau und konnte ihren Sohn gar nicht leiden. Als nun der Knabe zwölf Jahr alt war, starb der König, und sein Sohn wurde König. Darüber erzürnte die böse Königin, denn sie hätte gern selbst geherrscht, und trachtete dem jungen König nach dem Leben.
Eines Tages nun wollte er auf die Jagd reiten. Da sprach sie zu ihm: »Mein Sohn, ich will dich auf die Jagd begleiten.« »Ach, Mutter,« antwortete der junge König, »das geht ja nicht, ihr könnt nicht mit mir auf die Jagd gehen.« Sie aber bestand darauf, und begleitete ihn. Während dem Jagen wurden die Beiden von ihrem Gefolge getrennt. Auf einmal überfiel sie ein Menschenfresser, und führte sie Beide in sein Haus. Nun war die falsche Königin eine sehr schöne Frau, und da sie den Menschenfresser um ihr Leben bat, ward er von ihrer Schönheit so gerührt, daß er sie nicht tödtete. Sie mußte aber bei ihm bleiben, und durfte nicht in ihr Reich zurück. Den jungen König schlug der Menschenfresser todt, band ihn auf ein Pferd, und ließ es in den Wald hineinlaufen.
Dieses Pferd aber war ein Zauberpferd, und eilte schnell vor ein Schloß, in dem sieben Feen wohnten, und klopfte an. Als nun die Feen das Klopfen hörten, sprach die Aelteste zu einer von den andern: »Geh hin, und schau zum Fenster hinaus, um zu sehen, wer es ist.« »Ach, meine Schwestern,« rief die Fee, »wenn ihr wüßtet! Da unten steht ein Pferd, und auf seinem Rücken ist ein todter Knabe festgebunden. Der ist so schön, daß man nichts schöneres sehen kann.« Da machten die Feen das Thor auf, ließen das Pferd herein, und banden den jungen König los, und weil er so schön war, so sprachen sie: »Wir wollen ihn wieder lebendig machen, und ihn bei uns behalten als unsern lieben Bruder.« Da machten sie ihn mit ihren Zauberkünsten wieder lebendig, und er blieb bei ihnen viele Jahre lang, und sie waren miteinander wie Brüder und Schwestern.
Als der junge König nun erwachsen war, sprach die älteste Fee zu ihren Schwestern: »Ich will ihn nun heirathen, und er soll mein Mann sein und euer Bruder.« Also heirathete der junge König die Fee und sie lebten vergnügt auf ihrem schönen Schloß. Der junge König aber hatte keine Ruhe mehr und wollte gern die Welt sehen.
Also sprach er eines Morgens zu den Feen: »Liebe Frau und liebe Schwestern, ich muß ausziehen, die Welt zu sehen, und wenn ich genug gesehen habe, so komme ich wieder.« Die Feen wollten ihn nicht gern ziehen lassen, aber er bestand darauf, und so mußten sie ihm endlich seinen Willen lassen. Da sprach die älteste Fee zu ihm: »Willst du uns denn verlassen, so nimm wenigstens diese Flechte mit und verwahre sie wohl: sie wird dir nützen.« Damit schnitt sie eine von ihren schönen Flechten ab und gab sie ihm.
Der junge König bestieg sein Pferd und ritt davon, den ganzen Tag. Als es nun Abend ward, fand er sich in einer öden Gegend, da war weit und breit kein Haus und kein Mensch zu sehen. »Was fange ich nun an?« dachte er. »Wenn ich mich im Freien lagere, so kommen die wilden Thiere und fressen mich.« Da gedachte er an die Flechte, holte sie heraus und sprach: »So wünsche ich mir ein Schloß, mit Dienern, und mit allem, was ich zum Abendessen und für ein Nachtlager brauche, und mit einem Stall und Futter für mein Pferd.« Alsbald stand da ein festes Schloß wie er es sich gewünscht hatte, und er ging hinein, und die Diener brachten ihm zu essen und versorgten sein Pferd; dann legte er sich schlafen und schlief ruhig die ganze Nacht. Am andern Morgen wünschte er das Schloß wieder weg und ritt weiter.
So kam er denn durch viele Länder, und wenn er sich Abends in einer unbewohnten Gegend befand, so wünschte er sich ein Schloß und brachte darin die Nacht zu.
Endlich kam er auch in eine Stadt, wo ein großer König herrschte. Da ließ er sein Pferd vor der Stadt, hüllte sich in ärmliche Kleidung, und kam vor das königliche Schloß. Als ihn die Königin da stehen sah, schickte die Königin einen Diener hinunter, um zu fragen, wer er sei. »Ich bin ein armer Bursche,« antwortete der junge König, »und bin hier fremd. Wenn ein Dienst im Schlosse frei wäre, so möchte ich ihn wohl annehmen.« »Wozu könnten wir dich denn brauchen?« sprach die Königin. »Ein Sekretär ist da, einen Thürhüter haben wir auch, kurz, alle Diener, die wir brauchen, sind da. Es fehlt uns nur ein Gänsejunge. Willst du Gänsejunge sein?« Der junge König war es zufrieden, und wurde also Gänsejunge. Er that aber mit Absicht, als ob er ein unsauberer Mensch wäre; kleidete sich nur in schmutzige Lumpen, schlief im Gänsestall, und sah immer eklig und schmutzig aus. »Paperarello, so wasche dich doch!« sprach die Königin zu ihm. »So bin ich gewohnt, zu sein,« antwortete er.
Nun begab es sich eines Tages, daß das Brot in der Stadt ausging, und der König kein Brot mehr hatte, um seine Soldaten zu ernähren. Da rief er seinen Koch herbei und sprach: »Bis morgen früh mußt du mir sieben Ofen voll Brot backen. Wenn es dir gelingt, so kriegst du meine Tochter zur Frau, gelingt es dir aber nicht, so reiße ich dir den Kopf ab.« »Ach, königliche Majestät, das ist ja nicht möglich,« jammerte der Koch, »wie soll ich in einer Nacht siebenmal den Ofen heizen und Brot backen!« Der König aber sprach: »Das ist mir einerlei, da siehe du zu.« Das hörte Paperarello und rief: »Königliche Majestät, ich will das Brot backen.« »Schön,« antwortete der König, »wenn es dir aber nicht gelingt, so reiße ich dir den Kopf ab.« Paperarello aber legte sich ganz ruhig schlafen. »Paperarello,« sprachen die übrigen Diener, »mache dich an die Arbeit; weißt du, mit dem König ist nicht zu spaßen.« »Erst muß ich schlafen,« sagte er und schnarchte weiter. Nach einer Stunde riefen die Diener wieder: »Paperarello, steh doch auf, es kostet dich sonst deinen Kopf.« »Laßt mich noch ein wenig schlafen,« antwortete Paperarello, und schnarchte weiter. So ging es die ganze Nacht hindurch. So oft die Diener ihn riefen, antwortete er nur: »Laßt mich noch ein wenig schlafen,« und schnarchte weiter.
Endlich war es heller Tag geworden, und die Diener riefen voll Schrecken: »Paperarello, der König kommt; jetzt ist es zu spät und du verlierst dein Leben.« »Nun, was schreit ihr denn so?« sprach Paperarello, zog seine Flechte heraus, und ging in die Küche. »Da liegt ja schon das Brot; eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Ofenladungen, und die siebente ist noch im Ofen, die braucht ihr nur hervor zu holen.« Da blieben die Diener mit offenem Munde stehen, und der König sprach: »Bravo, Paperarello, du sollst nun auch meine Tochter zur Frau haben.« Bei sich aber dachte er: »Dieser Bursche muß irgend eine Zaubergabe haben.«
Als nun die Königstochter hörte, daß sie den ekligen Paperarello heirathen sollte, fing sie an bitterlich zu weinen und wollte ihn nicht. Es half ihr jedoch zu nichts, denn es wurde eine glänzende Hochzeit gefeiert, und Paperarello heirathete die schöne Königstochter.
Er ließ sich aber nicht dazu bewegen, sich zu waschen, oder seine schmutzigen Lumpen abzulegen, und als er zu seiner Braut in die Kammer gehen sollte, sprach er: »Ich will bei meinen Gänsen liegen, in einem solchen Bette kann ich nicht schlafen.« Also ging er in den Stall und schlief bei seinen Gänsen und wollte nicht in das Schloß kommen. Die Söhne des Königs aber sprachen: »Vater, schlagt diesen ekligen Paperarello doch todt.« »Nein,« sprach der König, »denn er hat gewiß eine Zaubergabe, und da muß ich zuerst herausbringen, worin sie besteht.«
Nun begab es sich, daß ein Krieg ausbrach, und der König und seine Söhne mußten in den Krieg ziehen. Da zogen alle Diener des Königs mit und trugen schöne Rüstungen und Waffen. Paperarello aber sprach: »Ich will auch mit in den Krieg ziehen.« Also ging er in den Stall, und wählte dort ein altes, lahmes Pferd, schnallte ein altes Säbelchen um, und huckte so hinter den andern Dienern her. Als sie nun ein Weilchen geritten waren, sprach er: »Mein Pferd kann nicht mehr weiter, geht ihr nur in den Krieg, ich will derweil hier Püppchen aus Lehm machen und damit Krieg spielen.« Da lachten sie ihn aus, und ließen ihn mitten auf der Straße liegen und ritten davon. Kaum waren sie fort, so zog Paperarello seine Flechte heraus, wünschte sich die schönste Rüstung, das schärfste Schwert und das muthigste Pferd, und ritt nun den Andern nach. Die Schlacht hatte schon angefangen, und der feindliche König war nahe daran zu siegen; da stürzte sich Paperarello in die Schlacht, und im Augenblick wandte sich der Sieg auf die Seite des Königs. Es erkannte ihn aber Niemand. Als er nun nach der Schlacht fortsprengen wollte, ließ ihn der König bitten, doch zu warten, und ließ ihm für seine Hülfe danken, und er solle nur sagen, was er zum Danke begehre, der König werde ihm alles geben. Er antwortete: »Saget dem König, ich wolle nichts als seinen kleinen Finger.« Da mußte sich der König den kleinen Finger abschneiden, und Paperarello steckte ihn ein, und ritt an den Ort zurück, wo die Andern ihn am Morgen verlassen hatten. Als sie nun vorbeikamen, saß der schmutzige Paperarello da, und machte noch immer Püppchen aus Lehm. »Habt ihr gewonnen?« frug er den König. »Ich habe auch meine Schlacht gewonnen.« Damit zog er sein Säbelchen, und schlug den Püppchen die Köpfe ab.
Am andern Morgen zog der König wieder mit allen Dienern in die Schlacht, und Paperarello zog auf seinem lahmen Pferde mit. Als er nun an dieselbe Stelle kam, blieb er wieder liegen und machte Lehmpüppchen; die Andern lachten ihn aus und zogen weiter. Er aber wünschte sich eine noch schönere Rüstung, ein noch schärferes Schwert und ein noch muthigeres Pferd und ritt den Andern nach. Der feindliche König war wieder nahe daran zu siegen, und der König sprach zu seinen Dienern: »Ach, seht euch doch um, ob der unbekannte Ritter von gestern wiederkommt.« »Wir sehen einen Ritter kommen, er sieht aber noch tapfrer aus als der von gestern,« antworteten die Diener. Der Ritter stürzte sich in die Schlacht, und im Augenblick siegte der König. Da schickte er zum Ritter, und ließ ihm für seine Hülfe danken, und ließ ihm sagen, er werde ihm zum Danke geben, was er wolle. Der Ritter aber verlangte das Ohr des Königs, und der König konnte nichts anderes thun, als es sich abschneiden, und ihm geben. Da steckte Paperarello das Ohr ein, und ritt davon. Als die Andern heim kamen, saß er wieder bei seinen Püppchen, und hieb ihnen mit seinem Säbelchen die Köpfe ab.
Am dritten Tage ging es ebenso. Paperarello blieb wieder zurück, wünschte sich eine Rüstung, ein Schwert und ein Pferd, die waren noch besser und schöner als die früheren, und ritt in die Schlacht. Die Diener schauten voll Angst nach ihm aus, weil sie in großer Gefahr waren, und als er kam, meldeten sie dem König, es sei wieder ein unbekannter Ritter erschienen, der sei noch schöner und tapferer als die beiden Ersten. Der fremde Ritter aber besiegte wieder den feindlichen König. Nach der Schlacht ließ der König ihm danken und ihm sagen, er solle bestimmen, was er zum Danke begehre, der König werde ihm nichts verweigern. »Ich will nichts, denn nur die Nase des Königs« sprach er. Da mußte der König sich auch die Nase abschneiden, und Paperarello steckte sie ein. Als nun der König nach Hause ritt, saß Paperarello wieder bei seinen Lehmpüppchen, und sprach: »Nein, was kommt ihr mir so hübsch vor, ohne Nase.« »Laß mich in Ruhe,« antwortete der König. Paperarello aber ritt immer neben ihm her, und sprach: »Nein, was seid ihr so hübsch ohne Nase; ich bin freilich nur ein schmutziger Gänsejunge, aber ich habe doch meine Nase, und meine beiden Ohren und alle meine Finger.«
Als nun der König zu Tische saß, zog Paperarello die Nase, das Ohr und den Finger hervor, und sprach: »Ich bin der unbekannte Ritter, der euch dreimal geholfen hat, denn ich bin eines Königs Sohn, und kein schmutziger Gänsejunge, wie ihr meintet.« Da ging er in ein andres Zimmer, wusch sich, und legte königliche Kleider an, und als er wiederkam, war er so schön, daß die Königstochter sich von Herzen freute, daß er ihr Gemahl war. Der junge König aber sprach: »Für eure Tochter danke ich, denn ich habe schon eine liebe Frau zu Hause, und will nun zu ihr zurückkehren. Ehe ich aber gehe, wünsche ich euch noch eure Nase, euer Ohr und euren Finger wieder an.« Da wurde der König wieder gesund, und der junge König nahm von Allen Abschied, bestieg sein Pferd, und ritt zu den sieben Feen zurück. Als sie ihn nun kommen sahen, freuten sie sich sehr, und er lebte glücklich und vergnügt mit seiner Frau. Da blieben sie reich und getröstet, und wir sind hier sitzen geblieben.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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