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Märchenbasar

Von Sorfarina

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Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten einen einzigen Sohn. Damit nun der Knabe Alles das lernen sollte, was zu seinem Stande gehörte, schickten sie ihn zu einem Lehrer in die Schule. In dieselbe Schule gingen auch viele andere Kinder, darunter die Tochter eines Kaufmanns, die war schöner als die Sonne und hieß Sorfarina. Von allen Kindern lernte Sorfarina am besten, viel besser, als der Königssohn, und der Lehrer war stolz auf sie und hatte sie sehr lieb. Nun begab es sich eines Tages, daß der Lehrer eine Reise machen mußte, und gar nicht wußte, wem er während seiner Abwesenheit die Schule überlassen solle. Da er nun so in Gedanken saß, frug ihn Sorfarina: »Herr Lehrer, was habt ihr?« »Ach, Sorfarina, ich bin in großer Verlegenheit; denn ich muß eine Reise machen, und weiß nicht, wem ich die Schule überlassen soll.« »Ueberlasset sie doch mir,« sagte Sorfarina, »so will ich unterdessen die Schüler lehren.« Der Lehrer war es zufrieden und reiste ab, und Sorfarina hielt die Schule. Wie sie aber eines Tages den Königssohn unterrichtete, wollte er nicht aufmerksam sein; da ward sie zornig und gab ihm eine Ohrfeige. Der Königssohn antwortete nichts, aber er behielt diese Beleidigung in seinem Herzen.
Viele Jahre vergingen, der Königssohn ging nicht mehr zur Schule, und Sorfarina war ein wunderschönes Mädchen geworden, so schön, daß er in heftiger Liebe zu ihr entbrannte.
Eines Tages kam er zu seinem Vater, und sprach: »Lieber Vater, ich habe nun eine Braut gefunden, die mir gefällt; meine Gemahlin soll die schöne Sorfarina sein.« Der König hätte nun freilich lieber gesehen, daß sein Sohn eine Königstochter geheirathet hätte, weil er ihm aber niemals »nein« sagen konnte, so sprach er: »Nun gut, mein Sohn, wenn du sie willst, so nimm sie.« Also wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert, mit vielen Festlichkeiten, und der Königssohn heirathete die schöne Sorfarina. Als sie aber in ihre Kammer gegangen waren, um sich schlafen zu legen, sprach er: »Sorfarina, denkst du noch daran, wie du mir damals eine Ohrfeige gegeben hast? Sage mir doch, bereust du es nicht?« »Nein,« antwortete sie,

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst!«

»Was?« rief der Königssohn im höchsten Zorn, »du wagst es, mir so etwas zu sagen? So will ich dich auch nicht in meinem Bette!« Damit stieß er sie zum Bette hinaus, und Sorfarina mußte auf dem Boden schlafen. Weil er sie aber so lieb hatte, that ihm das Herz weh, wenn er sie so auf den kalten Steinen liegen sah, und er sprach zu ihr: »Liebe Sorfarina, sage es mir doch, bereust du es nicht?« »Nein,« sprach sie,

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst!«

Er mochte bitten und ihr zärtlich zureden, so viel er wollte, sie gab ihm keine andere Antwort, so daß er endlich ganz böse wurde und rief: »Nun gut, so bleibe wo du bist!« Am andern Morgen lief er zu seiner Mutter, der Königin, und erzählte ihr Alles, und sagte: »Denkt euch nur, nachdem sie die ganze Nacht auf dem kalten Boden gelegen hat, will sie es doch nicht sagen!« »Aber, mein Sohn,« antwortete die Königin, »laß sie doch gehen, das sind ja längstvergangene Dinge.« »Nein, Mutter, ich will nun einmal,« daß sie es sagen soll. Nun lief er wieder zu Sorfarina: »Sorfarina, sage mir, bereust du es nicht?«

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst!«

»Ach, Sorfarina,« klagte er, »was bist du eigensinnig! Weißt du, daß ich dich in den Brunnen werfen lasse, wenn du es nicht sagst?« »So laß mich in den Brunnen werfen!« Kurz, obgleich er mehrmals am Tage zu ihr hinlief, und es bald auf die eine Weise versuchte, bald auf die andere, es war nicht möglich, von ihr eine andere Antwort zu bekommen. Endlich wurde er böse, und ließ sie in einen leeren Brunnen werfen, der im Hof war. Alle Augenblicke aber lief er zu dem Brunnen: »Sorfarina, ich bitte dich, sage mir doch, bereust du?« »Nein,« sagte sie,

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst!«

»Weißt du aber auch, daß ich weit weg reise, und dich hier im Brunnen lasse?« »Reise so viel du willst,« antwortete sie, »erweise mir nur vorher die Gnade, mir zu sagen, ob du zu Land oder zu Wasser reisest.« So vergingen noch mehre Tage, und Sorfarina wollte sich weder durch Bitten noch durch Drohungen bewegen lassen, zu sagen, daß sie bereue. Als der Königssohn sie so eigensinnig sah, rief er ihr endlich zu: »Lebe wohl! ich reise nach Rom.« »Glückliche Reise! gehst du zu Land oder zu Wasser?« »Zu Wasser.« »Gut, dachte Sorfarina bei sich, so werde ich zu Land gehen.« Der Königssohn verreiste, und alsobald stieg Sorfarina aus dem Brunnen und reiste zu Land nach Rom. Dort nahm sie ein hübsches Haus, dem Wirthshaus gerade gegenüber, in welchem der Königssohn abgestiegen war.
Als er nun eines Morgens zum Fenster herausschaute, sah er sie gegenüber im Balkon stehen, und schaute sie ganz verwundert an, und dachte: »Ei, wie ist jene Frau so wunderschön! Wenn ich nicht meine Frau Sorfarina im Brunnen gelassen hätte, so würde ich sagen, sie sei es.« Da grüßte er sie, und redete sie an, und sie antwortete ihm freundlich. Nach einigen Tagen kam er zu ihr ins Haus, und kurz, sie schlossen eine so innige Freundschaft, daß nach einem Jahr ein schönes Knäblein zur Welt kam, das nannten sie Romano. Er hatte ihr aber erzählt, wie er zu Hause eine wunderschöne aber eigensinnige Frau habe, die sich nicht dazu bequemen wolle, ihm zu sagen, daß sie die Ohrfeige bereue. »Ach,« hatte Sorfarina gesagt, »verzeihet doch der armen Frau, und nehmet sie aus dem Brunnen heraus.« »Nein, ich will nun einmal, daß sie thue, was ich von ihr verlange.«
Als nun das Knäblein einige Monate alt war, sagte eines Tages Sorfarina zum Königssohne: »Geht doch einmal nach Haus, und seht nach, ob eure arme Frau noch im Brunnen sitzt, sie hat sich jetzt vielleicht eines Besseren besonnen.« Da reiste der Königssohn zu Wasser nach Haus, Sorfarina aber ließ ihr Kind bei den Feen, die ihr unterthan waren, denn sie konnte zaubern, und reiste auch nach Hause, und als der Königssohn ankam, saß sie schon im Brunnen. »Nun, Sorfarina,« sprach er, »willst du noch immer eigensinnig sein? Ich bitte dich darum, sage mir doch, daß du es bereuest.« »Nein,« sprach sie,

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst.«

Der Königssohn war ganz verzweifelt, denn er liebte seine Sorfarina doch so sehr, und nun wollte sie ihm nicht den Willen thun. Da sprach er eines Tages zu ihr: »Sorfarina, wenn du es nicht bereuen willst, so reise ich heute noch nach Neapel ab.« »Glückliche Reise! Gehst du zu Land oder zu Wasser?« »Zu Wasser.« »So werde ich zu Lande gehen,« dachte sie, und kaum war der Königssohn verreist, so stieg sie aus dem Brunnen, und reiste auch nach Neapel. Dort nahm sie ein Haus, dem Wirthshaus gegenüber, in dem er wohnte, und als er zum Fenster heraussah, stand auch sie im Balkon, daß er sie verwundert anschaute. »Was ist denn das nur? Wenn ich nicht meine Frau im Brunnen verlassen hätte, und die Römerin in Rom, so müßte ich denken, diese schöne Frau sei eine von ihnen.« Er grüßte sie und redete sie an, sie antwortete freundlich, und um es kurz zu sagen, nach einem Jahr hatte der Königssohn wieder ein Knäblein, das nannten sie Napolitano.
Als das Kind einige Monate alt war, sprach Sorfarina zu ihm: »Wollt ihr nicht einmal nach Hause gehen, und sehen, ob eure Frau sich besonnen hat?« Also reiste der Königssohn nach Haus, aber Sorfarina war schneller als er, und als er an den Brunnen lief, stand seine Frau auch schon darinnen und frug: »Nun, hast du viel Vergnügen genossen?« »Ach, Sorfarina, wenn du mir doch den Willen thun wolltest, wie gerne wollte ich bei dir bleiben! Bitte, liebe Sorfarina, sage mir doch, daß du es bereuest!« Sorfarina aber gab immer dieselbe Antwort, er mochte bitten oder drohen, so viel er wollte, so daß er eines Tages zornig wurde und sagte: »Sorfarina, sage es! sonst reise ich heute noch nach Genua ab!« »Glückliche Reise!« rief sie spottend, und sobald er verreist war, stieg sie aus dem Brunnen, und war zu gleicher Zeit mit ihm in Genua. Dort nahm sie wieder ein Haus dem Wirthshaus gegenüber, in dem ihr Mann wohnte, und das erste, was er sah, als er zum Fenster hinausblickte, war wieder die schöne Frau, die gegenüber im Balkon stand. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu!« rief er. »Da ist wieder eine schöne Frau, die meiner lieben Sorfarina gleicht. Wenn ich nicht meine Frau im Brunnen gelassen hätte, und die Römerin in Rom, und die Neapolitanerin in Neapel, müßte ich denken, es sei eine von ihnen.« Nun grüßte er sie, sie dankte; bald schlossen sie Freundschaft, und ehe ein Jahr herum war, kam ein Töchterlein zur Welt, das nannten sie Genova.
Als das Mädchen einige Monat alt war, sprach Sorfarina eines Tages zu ihm: »Wollt ihr nicht einmal nach Hause reisen, und nach eurer armen Frau sehen? Wer weiß, sie hat sich vielleicht besonnen!« Da reiste der Königssohn nach Hause, aber auch Sorfarina war nicht faul, und als er an den Brunnen kam, stand sie schon darinnen. »Liebe Sorfarina,« bat er, »nun wirst du gewiß nicht mehr eigensinnig sein; ich bitte dich, sage mir doch, daß du es bereuest.«

»Ich habs nicht bereut und bereue es nicht,
Und braucht es noch eine, die zweite du kriegst.«

Der Königssohn mochte zum Brunnen laufen, so oft er wollte. Sorfarina gab immer dieselbe Antwort. »Sorfarina!« sagte er endlich, »wenn du mir jetzt nicht den Willen thust, so werde ich eine andere Frau nehmen!« »Nimm sie dir!« antwortete sie. Da ließ er eine schöne Königstochter kommen, und es sollte eine prächtige Hochzeit gefeiert werden. Der Königssohn konnte aber doch seine geliebte Sorfarina nicht vergessen, lief wieder zu ihr, und bat sie: »Sorfarina, thue es doch mir zu Liebe; denn sieh, es ist mein Ernst, daß ich eine andre Frau nehmen will, und heute Abend ist großer Ball im königlichen Schloß.« »Ich wünsche dir viel Vergnüngen,« antwortete sie, »thu was du willst.« Am Abend aber wünschte sie sich ihre drei Kinder herbei, und alsbald standen sie vor ihr, und waren so fein und schön, daß man keine schöneren Kinder sehen konnte, und trugen prächtige königliche Kleider. Da wünschte sie sich auch die herrlichsten Gewänder, und den reichsten Schmuck, und viele Dienerinnen, die mußten sie mit wohlriechendem Wasser waschen, und sie fein schmücken, und endlich wünschte sie sich auch noch einen goldnen Wagen, mit vier Pferden bespannt, und mit Allem, was dazu gehört. Da stieg sie in den Wagen, und ihre drei Kinder mit ihr, und fuhr aufs Schloß.
Als sie ankam, und mit ihren drei Kindern in den Saal trat, schauten alle Leute sie voll Bewunderung an, denn sie war die schönste von Allen, und es hatte sonst keine so herrliche Gewänder. Der Königssohn aber eilte auf sie zu, und wollte mit ihr tanzen. Da rief sie mit heller Stimme: »Romano und Neapolitano, nehmt eure Schwester Genova an die Hand, und tanzt mit ihr.« Als nun der Königssohn diese Namen hörte, blieb er wie erstarrt stehen, und da er sie genauer ansah, erkannte er sie auf einmal, und rief: »Ach! Sorfarina! Du bist es? Und du warst auch die Römerin, die Neapolitanerin und die Genueserin?« »Ja wohl, ich war es,« antwortete sie, »so vertriebst du dir also die Zeit, während du deine Frau im Brunnen ließest?« und gab ihm vor der ganzen Gesellschaft eine Ohrfeige.
Nun denkt euch, wie gekränkt der Königssohn war, als sie ihn vor der ganzen Gesellschaft so behandelte, doch konnte er nicht anders, als sie um Verzeihung bitten, und als er gar seine Kinder sah, umarmte er sie voll Freude, und sprach zu Sorfarina: »Nun sollst du auch meine liebe Gemahlin bleiben.« Also mußte die fremde Königstochter nach Hause zurückkehren, und der Königssohn nahm Sorfarina als seine Gemahlin wieder zu Ehren an. Sie war aber klug, und dachte immer: »Wer weiß, ob er mir wirklich verziehen hat.«
Als sie nun zuerst in ihre Kammer gegangen war, machte sie sich eine schöne Puppe aus Zucker und Honig, ganz in ihrer Größe, die hatte am Halse ein Strickchen, und wenn sie daran zog, nickte sie mit dem Kopf. Diese Puppe legte sie in ihr Bett, sie selbst aber legte sich unter das Bett, und nahm das Strickchen in die Hand. Es dauerte nicht lange, so kam der Königssohn auch in die Kammer, und trat an’s Bett, und frug sie: »Nun, Sorfarina, bereust du noch immer nicht?« Da zog Sorfarina an dem Strickchen, daß die Puppe den Kopf schüttelte, als ob sie »nein« gesagt hätte. »Was?« rief er, »auch jetzt bist du noch so eigensinnig?« und ward so zornig, daß er sein Schwert zog und der Puppe den Kopf abschnitt. Als er aber das Schwert durch den Mund zog, um es abzuwischen, schmeckte das Blut so süß, daß er ganz traurig wurde, und rief: »Ach! so süß war dein Blut, herzliebste Sorfarina, und ich habe dich umgebracht! So will ich auch nicht länger leben!« und wollte sich das Schwert in die Brust stoßen. Da sprang aber Sorfarina hinter dem Bett hervor, fiel ihm in die Arme, und rief: »Halt ein! Ich bin ja noch am Leben, und die Taube von Honig und Zucker wollen wir als Mann und Frau verzehren.« Da umarmte er seine liebe Frau voll Freude, und sprach: »So hast du mich bis hierher angeführt; nun, ich verzeihe dir Alles.« »Und ich will dir auch sagen, daß ich es bereue, dir die Ohrfeige gegeben zu haben,« rief sie. Da ward die Freude erst recht groß, und sie blieben glücklich und zufrieden mit ihren Kindern; wir aber sind hier sitzen geblieben.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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