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Märchenbasar

Wie die Pferde zu den Indianern kamen

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In einem der Indianerdörfer, die am Großen Fluss lagern, lebte ein Waisenknabe. Er wohnte in der allerkleinsten Lehmhütte und weil er wegen seiner Schwächlichkeit keine Waffen tragen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als gute Menschen um Nahrung zu bitten. Aber er wurde oft und oft abgewiesen. „Wozu sollen wir dich füttern?“ sagten die meisten. „Du bist zu nichts zu gebrauchen. Jedes Hündchen könnte eine schwere Last auf seinem Rücken tragen als du.“ Damals kannten die Indianer das Pferd noch nicht – Tirawa mochte wohl vergessen haben, es ihnen zu geben – und so spannten sie Hunde ein oder trugen selbst ihre Lasten. Nur der Häuptling bewirtete den Knaben jedesmal, ja, er schenkte ihm eines Tages sogar ein paar Mokassins. „Tirawa, der Große Geist weiß, warum der Knabe lebt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er dereinst ein großer Held sein wird“, beruhigte der Häuptling seine Stammesgenossen. Aber nur wenige schenkten seinen Worten Glauben. Solch Häuflein Elend – ein Held! Im Frühling wenn aus der Ferne Hufestampfen zu hören war und sich die ersten Mähnen der Bisons dunkel vom Horizont abhoben, verließen die Indianer ihre Wohnstätten und wanderten der Herde nach, um sich für den Winter mit Fleisch und Häuten zu versorgen. Diesen Tag sah der Knabe mit der größten Angst entgegen. Alle ziehen sie nun fort – auch der gute Häuptling – und er muss als einziger in dem menschenleeren Dorf zurückbleiben, wo er wohl kaum etwas zum Essen finden wird. Ach, wie oft schon hatten ihn die Indianer nach ihrer Rückkehr halbverhungert vorgefunden und es für ein Wunder angesehen, dass er überhaupt noch am Leben war. An einem Maitag – es war kaum hell geworden – sahen die Wachen die ersten Büffelmähnen. „Die Büffel kommen! Die Büffel kommen!“ ging es von Mund zu Mund, und noch ehe die Sonnenstrahlen den Schleier der Morgendämmerung durchbrochen hatten, war das Dorf wie ausgestorben. Der Knabe saß vor seiner Hütte und betrachtete niedergeschlagen die Staubwolken, die sich langsam auf dem Weg niedersenkten. Die letzte menschliche Stimme, das letzte Hundegebell hatte sich hinter der Biegung des Weges verloren, der tief in die Prärie hineinführte. Nun war er allein. Glitzernde Tränen rannen ihm über die Wangen und fielen zwischen seine Mokassins. Wie gern, ach, wie gern wäre er mitgezogen! Ein Häuflein Staub war unter seinen Tränen nass geworden, und auf einmal schien es ihm, als höre er eine feine Stimme: „Spiel mit mir! Zeige, was deine schwachen Fingerchen vermögen!“ – „Wer spricht denn da? Und womit soll ich spielen?“ Sein Blick fiel auf den Staub, aus dem ein salbenartiger Brei geworden war, wie geschaffen zum Fingerkneten. „Ich will einen Hund machen, wenigstens komme ich auf andere Gedanken“, sagte er zu sich selbst, und bald begann der geschmeidige Lehm unter seinen zarten Fingern Form anzunehmen. Aber was war denn das? Anstatt der kurzen Hundepfoten hatte er lange Beine mit Hufen an den Füßen geknetet. Und erst der Kopf! Lang und schmal, mit spitzen Ohren und einer wallenden Mähne. Und am Ende des Körpers – das soll wohl ein Schwanz sein, nur sieht er ganz andres aus als bei einem Hund. Nein, so ein wunderliches Tier hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen! „Ich muss es noch einmal versuchen. Diesmal will ich besser Acht geben.“ Er begann ganz langsam und behutsam zu kneten, aber was unter seinen Händen entstand, glich dem ersten Tier wie ein Ei dem anderen, als hätte ihm jemand die Finger geführt. Unsicher glitt sein Blick von der einen Figur zu der anderen. Beide standen sie da, als wollten sie jede Weile davonjagen.
Plötzlich überfiel ihn eine große Müdigkeit. Er streckte sich auf der ausgedorrten Erde nieder, und ehe er sich versah, war er eingeschlafen. Und leise, ganz leise strich ein seltsamer Traum über seine Lider:
Der große Tirawa selbst kam aus seinen unerreichbaren Gefilden zu dem Knaben. „Ich bin es gewesen, der dich zum Spielen verlockte, und auf meinen Befehl haben deine Finger Pferde geknetet. Die könnt ihr nun statt der Hunde vor eure Lasten spannen oder auf ihren Rücken reiten. Jetzt sind sie freilich noch zu klein, darum musst du sie vier Tage fleißig weiden und am Großen Fluss tränken, damit sie wachsen und euch Nutzen bringen. Tirawa hatte gesprochen, und dem schlafenden Knaben verschwamm sein Gesicht wie eine Welle auf dem Wasserspiegel. Der Knabe erwachte, nahm die beiden Figuren unter den Arm und eilte damit an den Großen Fluss. An einer Stelle, wo er das saftigste und süßeste Gras wusste, legte er die beiden Lehmtiere sorgsam nieder und …Er traute seinen Augen kaum! Die Pferdchen waren im Handumdrehen lebendig geworden, sogar ein schwaches Wiehern war zu hören. Aber als das wunderbarste aller Wunder schien es ihm, wie sie vor seinen Augen allmählich immer größer und größer wurden. Nachdem sie lange genug geweidet hatten, ließ er sie nach Herzenslust trinken, und gegen Abend führte er sie nach Hause. Während der kurzen Zeit waren sie so gewachsen, dass die Hütte fast zu klein für sie war. Schon am nächsten Abend musste er sie in dem großen Haus des Häuptlings unterbringen. Der Knabe freute sich sehr, dass sie groß und kräftig waren. Am dritten Morgen konnte er sich auf ihren Rücken schwingen und vom einem Ende des Dorfes zu anderen reiten. Da fiel ihm ein, wie schön es wäre, seinen Gefährten in die Prärie nachzureiten. Mit keinem einzigen Gedanken dachte er mehr an den Befehl des gewaltigen Tirawa. Er trieb die Pferde an einer seichten Stelle durch den Großen Fluss und folgte den Spuren der Büffelherde. Er hatte ja noch nie ein Pferd gesehen und war überzeugt, sie seien nun groß genug. Der große Tirawa aber hatte kein Auge von ihm gelassen und war ein wenig enttäuscht. Er wollte nämlich den Indianern große Pferde geben, solche, wie sie die Bleichgesichter haben, aber dann fiel ihm ein, dass ein kleines Pferd wendiger ist als ein großes und den Indianern bei der Jagd bessere Dienste leisten kann. Es dauerte nicht lange, und der Knabe sah den Rauch des Lagerfeuers aufsteigen, denn er hatte den Weg überaus schnell zurückgelegt. Schon von weitem kamen ihm der Häuptling und die erstaunten Jäger entgegen geeilt. Sie konnten sich nicht satt sehen, und der Knabe? Das war nicht mehr die Jammergestalt des verachteten Betteljungen, sondern ein stattlicher Jüngling, dem in paar Jahren vielleicht sogar die Häuptlingswürde nicht schlecht anstehen mochte. Und so kam es auch. Bald übertraf er alle anderen Indianer im Jagen, Schießen und Reiten, und je nachdem der alte Häuptling zu seinen Ahnen gegangen war, wurde der treffliche Jüngling an seine Stelle gesetzt, und er herrschte über dem Stamm mit Milde und Umsicht viele, viele Jahre lang.
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Quelle: Märchen des Indianerstammes Seneka

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