Suche

Märchenbasar

Bellebelle oder Der Ritter Fortuné

Es war einmal ein sehr liebenswürdiger, gnädiger und mächtiger König, aber sein Nachbar, der Kaiser Matapa, war noch mächtiger als er. Sie hatten ohn Unterlaß Händel miteinander, und in dem letzten Feldzuge gewann der Kaiser eine so entscheidende Schlacht, daß er sogleich bis vor die Hauptstadt dringen konnte. Sie wurde belagert und erobert. Der Kaiser bemächtigte sich aller darinnen befindlichen Schätze, und der König hatte kaum so viel Zeit, durch die Flucht zu entkommen. Seine Schwester, eine junge Witwe, begleitete ihn. Diese Witwe war schön und geistreich, aber sie war zugleich stolz, heftig und nicht leicht zu behandeln.
Der Kaiser nahm allen Schmuck und alle Möbel des Königs mit in seinen Palast, in den er mit einer großen Begleitung von gefangenen Soldaten, Mädchen und Pferden und allem, was ihm nützlich oder angenehm sein konnte, triumphierend einzog, nachdem er den größten Teil des Königreiches entvölkert hatte. Seine Gemahlin und seine Tochter kamen ihm entgegen, wünschten ihm Glück und bezeigten ihm ihre Freude auf tausendfache Weise.
Der König gab indes die Hoffnung nicht auf, sich wieder in den Besitz seines Reiches zu setzen. Er zog eine kleine Armee zusammen und ließ einen Befehl ausgeben, daß jeder seiner Vasallen in eigener Person gerüstet bei ihm erscheine oder eines von seinen Kindern schicken solle.
An der Grenze des Reiches lebte ein achtzigjähriger Edelmann, dem der Himmel Verstand und Weisheit in großem Maße zugeteilt, aber alle Glücksgüter versagt hatte. Er für seine Person würde seine Armut mit Gleichgültigkeit ertragen haben, wenn er sie nicht mit drei schönen Töchtern hätte teilen müssen, deren Schicksal ihm den Rest seiner Tage verbitterte. Sie selbst aber klagten niemals und erwähnten ihre Armut mit keinem Worte, und wenn sie zufällig davon sprachen, so weil sie ihren bekümmerten Vater aufrichten und trösten wollten.
So lebten sie unter ihrem Strohdach ein stilles und einförmiges Leben, als der Befehl des Königs dem Alten zu Ohren kam. Er teilte ihn seinen Töchtern mit. »Was ist hier anzufangen«, sagte er. »Der König befiehlt allen Vornehmen seines Reiches bei hoher Strafe bei seiner Armee zu erscheinen. Ich bin alt und kraftlos. Ihr habt keinen Schutz als mich. Die Strafe zu bezahlen, bin ich nicht imstande. Wir sind verloren, meine Kinder, wenn der Himmel kein Wunder tut.« Die armen Mädchen weinten mit ihm, zugleich aber baten sie ihn, sich nicht so zu bekümmern; sie seien überzeugt, daß sie noch ein Mittel fänden, seinen Kummer zu beschwichtigen.
Als der Alte den anderen Morgen ganz betrübt in seinem Garten auf und ab schlich, kam ihm seine älteste Tochter vergnügt entgegen. »Lieber Vater«, sagte sie, »das Mittel ist gefunden, wenn Ihr es nur erlauben wollt. Schickt mich zur Armee. Ich bin groß genug zum Soldaten, an Kräften fehlt es mir auch nicht. Ich ziehe Mannskleider an und gebe mich für Euren Sohn aus. Wenn ich auch keine Heldentaten tue, so erspare ich Euch doch die Strafe, und das ist schon Gewinn genug.« Der Alte umarmte sie und wollte sich zunächst einem so ungewöhnlichen Entschluß widersetzen, aber sie blieb so fest, daß er endlich doch einwilligte.
Sie rüstete sich nun eilig zum Kriege. Sie legte die Waffen ihres Vaters an, nahm sein bestes Ackerpferd und ritt nach einem zärtlichen Abschied davon. Als sie einige Tagreisen zurückgelegt hatte, kam sie an eine Wiese, welche mit frischen Hecken umzäunt war. Hier fand sie eine Schäferin, die ein Schaf aus einem Graben ziehen wollte, in den es gefallen war, und es sich sehr sauer dabei werden ließ. »Was macht Ihr da?« fragte sie die Schäferin. »Ach!« antwortete jene, »da will ich ein Schaf retten, das beinahe schon ersoffen ist, aber ich bin nicht imstande, es herauszuziehen.« – »Es tut mir leid«, sagte das Mädchen und ritt davon. »Adieu, schöne Ritterin«, rief ihr die Schäferin nach. Wie? sagte unsere Heldin bei sich, schöne Ritterin? Die Alte hat mich kaum einen Augenblick gesehen und erkennt mich gleichwohl als das, was ich bin! Wenn es mir bei der Armee ebenso ginge? Würde der König meinen Vater nicht für einen feigherzigen Mann halten, der sich nicht in den Krieg wagt? Nein, nein, es ist besser, daß ich geradewegs wieder umkehre.
Der Alte und seine Töchter sprachen eben von ihr, als sie angeritten kam. Sie erzählte ihre Abenteuer und was sie bewogen hatte, ihren Vorsatz fahrenzulassen. Ihr Vater fand das sehr natürlich. »Wenn du mir gefolgt hättest, so würdest du es gar nicht übernommen haben. Ein verkleidetes Mädchen bleibt immer kenntlich.«
Indes befanden sich nun alle wieder in der vorigen Verlegenheit, als die zweite Tochter zu ihrem Vater kam und ihn um die Erlaubnis bat, an die Stelle ihrer Schwester zu treten. »Meine Schwester«, sagte sie, »hat noch niemals zu Pferde gesessen, also ist es sehr natürlich, daß man sie erkannt hat. Ich bin das Reiten mehr gewohnt. Und wenn Ihr mir erlaubt, zur Armee zu gehen, so verspreche ich Euch, daß Ihr mit mir zufrieden sein sollt.«
Der Alte gab sich alle Mühe, ihr diese Idee auszureden, es war umsonst. Sie nahm andere Kleider, andere Waffen, ein anderes Pferd, umarmte ihren Vater und ihre Schwestern und ritt davon. Als sie an die Wiese kam, fand sie die nämliche Szene: ein Schaf im Graben und eine Schäferin, die es herausziehen wollte. »Ich Unglückliche«, sagte die Schäferin, »meine halbe Herde ist mir so zugrunde gegangen. Und wenn mir nur noch jemand Beistand leistete, so könnte ich das arme Tier hier retten, aber alle Welt geht an mir vorbei.« – »Warum sorgt Ihr auch so wenig für Eure Herde«, sagte unsere Heldin, »daß Ihr Eure Schafe ins Wasser fallen laßt«, und mit diesen Worten gab sie ihrem Pferd die Sporen und ritt davon. »Adieu, schöne Reiterin!« rief ihr die Schäferin nach. Die Amazone erschrak. Da wäre ich also auch erkannt, dachte sie. Es geht mir nicht besser als meiner Schwester. Ich müßte eine Törin sein, wenn ich zur Armee ginge. Die ganze Welt würde mich erkennen. Traurig lenkte sie ihr Pferd um und kehrte wieder nach Hause zurück.
Ihr Vater empfing sie mit großer Zärtlichkeit und lobte sie wegen ihrer Klugheit. Aber sein Kummer wurde nur noch größer, da er die Kosten für die Ausrüstung seiner Töchter vergeblich aufgewendet hatte. Der gute Alte grämte sich heimlich darüber, aber wiewohl er seine Töchter nicht betrüben wollte, so merkten sie es doch, und die Jüngste kam zu ihm und bat ihn nun auch um die Erlaubnis, an seiner Stelle zur Armee zu gehen. »Ich hoffe«, sagte sie, »es soll mir besser glücken als meinen Schwestern. Ich bin größer als sie, und Ihr wißt, daß ich im Reiten und Jagen nicht ungeschickt bin. Das Verlangen, Euch aus Eurer Verlegenheit zu ziehen, gibt mir ungewöhnlichen Mut und Zuversicht ein.«
Der Alte liebte dieses Kind mehr als die anderen, sie trug auch die meiste Sorge für ihn: Sie wartete ihn am fleißigsten, wenn er krank war, sie las ihm vor, sie machte ihm die besten Speisen und schoß ihm das beste Wildbret. Er suchte daher nur alle möglichen Gründe, um sie von ihrem Vorsatze abzubringen. Aber umsonst. Sie ließ sich ein ganz einfaches Kleid machen, nahm ein schlechtes Pferd, denn ihre Schwestern hatten die guten Pferde lahm geritten, umarmte ihren Vater und ihre Schwestern und ritt davon.
Als sie an die Wiese kam, fand sie die alte Schäferin noch immer in voller Arbeit mit ihrem Schafe. »Was macht Ihr da, Schäferin?« fragte Bellebelle – so hieß sie nämlich. »Ach! mein Herr«, antwortete die Schäferin, »schon den ganzen Tag plag ich mich mit diesem Schafe und kann es nicht aus dem Graben herausbringen. Ich bin so müde, daß ich kein Glied mehr regen kann. Fast alle Tage begegnet mir so ein Unfall, und niemand hilft mir.«
»In der Tat, Ihr tut mir leid«, sagte Bellebelle, »aber ich will sehen, ob ich Euch helfen kann.« Sie stieg ab vom Pferde, sprang über die Hecken und trat in den Graben. Nach einiger Mühe zog sie das Schaf heraus. »Da habt Ihr Euer Schaf«, sagte sie, »dafür, daß es den ganzen Tag im Wasser gelegen hat, ist es noch ziemlich munter.«
»Ihr habt mir einen großen Dienst geleistet«, antwortete die Schäferin, »und ich will dankbar dafür sein. Ich kenne Euch, ich weiß, wo Ihr hinzugehen gedenkt, und alle Eure Pläne sind mir bekannt. Eure Schwestern sind bei ebendieser Wiese vorbeigekommen. Ich kannte sie recht gut, aber sie waren nicht artig gegen mich, und so fand ich für gut, sie wieder nach Hause zu schicken. Eure Güte verdient eine Belohnung. Ich bin eine Fee, und es ist meine Leidenschaft, denen Gutes zu tun, die es verdienen. Ihr habt hier ein häßliches mageres Pferd, ich will Euch ein besseres geben.« Bei diesen Worten berührte sie die Erde mit ihrem Schäferstab; Bellebelle hörte Gewieher, sah sich um und erblickte einen herrlichen Hengst, der über die Wiese galoppierte. Die Fee rief ihn herbei. »Komm, komm«, sagte sie, »und rüste dich schöner als das beste Pferd des Kaisers Matapa.« In dem Augenblick war der Hengst über und über auf das kostbarste gerüstet: Er hatte eine Schabracke aus grünem Samt mit Diamanten und Rubinen besetzt, einen ebensolchen Sattel, Zügel ganz aus Perlen und goldenes Zaumzeug; etwas Schöneres war nicht zu finden.
»Die Schönheit dieses Pferdes«, sagte die Fee, »ist sein kleinster Vorzug, denn an Tugend und Geschicklichkeit hat es seinesgleichen nicht. Es frißt alle acht Tage nur einmal, es ist immer glatt, ohne daß man es zu striegeln braucht, es weiß das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, es ist seit langer Zeit in meinem Dienste, und ich habe es eigentlich für mich zugeritten. Wenn Ihr also eine Nachricht oder meinen guten Rat nötig habt, so fragt nur dieses Pferd, und es wird Euch in allen Fällen die beste Auskunft geben. Ihr könnt es als Euren Freund betrachten; denn mancher Fürst wäre glücklich, wenn er einen solchen Minister hätte. Aber Ihr habt auch noch Kleider nötig, ich will Euch damit versorgen.« Sie schlug mit dem Schäferstabe auf die Erde, und sogleich kam ein Koffer zum Vorschein, mit Saffian überzogen und mit goldenen Nägeln beschlagen. Die Fee holte einen goldenen Schlüssel unter dem Grase hervor und schloß den Koffer auf. Darin lagen zwölf Gewänder mit Stickerei und Diamanten, eines immer schöner als das andere, zwölf Hemden, zwölf Degen, zwölf Federbüsche und so noch mehrerlei, alles dutzendweise. »Wählet Euch eins von den Gewändern«, sagte die Fee, »die übrigen werden Euch allenthalben folgen. Wenn Ihr etwas nötig habt, stoßt nur mit dem Fuß auf die Erde und sagt: ‘Koffer, Koffer, komm hervor, mit Kleidern, mit Wäsche, mit Spitzen, mit Gold und Edelsteinen!’ So wird er gleich kommen, Ihr möget sein, wo Ihr wollt. Nun müßt Ihr auch vor allen Dingen einen Namen haben, denn Bellebelle geht für einen Kriegsmann nicht. Ich dächte, Ihr nenntet Euch Fortuné, den glücklichen Ritter. Endlich ist es auch billig, daß Ihr mich kennenlernt.« Zugleich ließ sie ihre alte Hülle zur Erde fallen und erschien Bellebelles Augen so jung und strahlend als ein Mädchen von achtzehn Jahren. Sie trug eine Robe von blauem Samt, mit Hermelin gefüttert, ihre Haare waren mit Perlen durchflochten, und auf dem Kopfe trug sie eine kostbare Krone.
Bellebelle warf sich ihr, von Bewunderung und Dankbarkeit durchdrungen, zu Füßen. Die Fee hob sie auf, umarmte sie und riet ihr, ein Gewand aus grünem und goldenem Brokat anzulegen. Bellebelle gehorchte ihr. Dann stieg sie aufs Pferd und setzte ihre Reise fort, voll von dem, was ihr begegnet war, und mit tausend Plänen beschäftigt, wie sie ihren armen Vater glücklich machen und ihm sein Alter erleichtern wollte.
So war sie nicht lange geritten, als sie in eine volkreiche Stadt kam. Sie zog aller Augen auf sich, man folgte ihr nach, man umringte sie, man fragte sich, wer das wohl sein könnte; denn noch nie hatte man einen so schönen, wohlgewachsenen und reich gekleideten Ritter gesehen, nie ein schöneres Pferd, nie ein prächtigeres Zaumzeug.
Bellebelle wollte in einem Gasthof absteigen, aber der Gouverneur, der sie hatte kommen sehen, ließ ihr ein Zimmer in seinem Schlosse anbieten. Sie schlug es auf eine höfliche Art aus, versprach aber, ihm aufzuwarten, und ließ ihn um einen von seinen Bedienten bitten, dem sie eine Sache von Wichtigkeit an ihren Vater anvertrauen könnte. Der Gouverneur schickte ihr unverzüglich einen sicheren Mann, worauf sich unser Ritter in ein Zimmer einschloß und den Koffer mit Goldstücken und Diamanten zu sich kommen ließ.
Der Koffer erschien, aber ohne Schlüssel. Fortuné probierte einige, die er bei sich trug, doch keiner wollte passen. Er dachte daran, das Schloß aufbrechen zu lassen, aber der Schlosser konnte ihn verraten, wenn er diese Reichtümer bei ihm entdeckte. Er suchte überall, aber er fand nirgends etwas. »Wie unglücklich bin ich!« rief er aus. »Was helfen mir die Geschenke der Fee, wenn sie in diesem Koffer verschlossen bleiben?« Jetzt fiel ihm ein, daß er sein Pferd um Rat fragen könnte. Er eilte sogleich in den Stall. »Lieber Kamerad«, sagte er ganz leise zu ihm, »entdecke mir doch, wo ich den Schlüssel zu meinem Koffer finden kann.« – »In meinem Ohr«, antwortete das Pferd. Fortuné sah in das Ohr und erblickte ein grünes Band. Er zog daran und zog den Schlüssel heraus. Der Koffer öffnete sich und zeigte seine Schätze. Der Ritter füllte drei Kästchen mit Diamanten und Goldstücken, eines für den Alten und zwei für die Schwestern, gab sie dann dem Bedienten und bat ihn, sich weder Tag noch Nacht aufzuhalten, bis er das Haus des alten Grafen erreicht hätte.
Der Bote verweilte keinen Augenblick. Als er zu dem guten Alten kam und ihm sagte, sein Sohn habe ihn geschickt und er bringe ihm einen schweren Kasten, kam es dem Alten ganz unbegreiflich vor, daß ihm seine Tochter etwas schicken sollte, da sie mit einer so kleinen Barschaft abgereist war, daß sie kaum den Boten hätte bezahlen können. Aber er erstaunte noch weit mehr, als er das Kästchen öffnete und die Reichtümer sah, die es enthielt. Das sonderbarste dabei war, daß seine Töchter, als sie die ihrigen aufmachten, nichts darinnen fanden als bunte Glassteine und Zahlpfennige, denn die Fee wollte nicht, daß sie an ihren Wohltaten teilhätten. Sie glaubten nicht anders, als daß ihre Schwester sie zum besten haben wollte, und schimpften auf sie. Der Graf suchte sie zu beruhigen und gab ihnen eine große Menge Diamanten von den seinigen, aber sowie sie dieselben anrührten, verwandelten sie sich in Glas. Sie schlossen hieraus, daß eine unbekannte Macht sie anfeinde, und baten ihren Vater, das übrige für sich allein zu behalten.
Der schöne Ritter reiste fort, ohne die Wiederkunft des Boten abzuwarten, denn seine Reise war gar zu eilig. Vorher besuchte er den Gouverneur, bei welchem sich die ganze Stadt versammelt hatte, um ihn zu sehen, denn seine Person und alles, was er tat, hatten etwas so Ehrbares und Anmutiges an sich, daß man ihn notwendig bewundern und lieben mußte. Auch alles, was er sagte, war ein Vergnügen zu hören. Kurz, das Gedränge, das man um ihn machte, war so außerordentlich groß, daß er selbst darüber erstaunte, und dieses um so mehr, weil Bellebelle stets auf dem Lande gelebt und wenig Menschen gesehen hatte.
Der Ritter trat hernach seine Reise an. Sein vortreffliches Pferd erzählte ihm allerlei Neues, auch viele Merkwürdigkeiten aus alten und neuen Geschichten. »Mein lieber Herr«, sagte es unter anderem, »ich sehe, daß Ihr viel Ehre und Redlichkeit besitzet. Ich war es überdrüssig, mit gewissen Leuten zu leben, deren Gesellschaft so unerträglich für mich war, daß ich meines Lebens nicht froh wurde. Einst diente ich einem gewissen Manne, der mir überaus freundlich begegnete und mich, sooft er mit mir sprach, über den Pegasus und den Buzephalus erhob, aber sobald ich nicht zugegen war, hieß er mich einen Karrengaul und eine Schindmähre. Er lobte mit allem Fleiße meine Fehler, damit ich in noch größere verfallen sollte. Als ich endlich seine Falschheit nicht länger ertragen konnte, gab ich ihm einen solchen Schlag mit dem Fuße, daß ihm fast alle Zähne aus dem Maul flogen, und wenn er mir nach dieser Zeit begegnete, sagte ich ihm allemal: ‘Ein Mund, welcher Unschuldige lästert, muß billig zerschlagen werden.’« – »Ei, ei«, sagte Fortuné, »du bist sehr hitzig. Fürchtest du aber nicht, daß er dir den Degen in den Leib stoßen könnte?« – »Das ist nicht wichtig«, antwortete Kamerad, »und überdies hätte ich auch im voraus gewußt, was er wider mich beschlossen haben würde.«
Unter solchen Gesprächen kamen sie in einen großen Wald. »Hier wirst du einen Holzhacker finden«, sagte Kamerad, »der uns von großem Nutzen sein kann. Er ist begabt.« – »Was meinst du damit?« sagte Fortuné. »Die Feen«, antwortete das Pferd, »haben ihn mit Talenten beschenkt. Suche ihn zu bereden, daß er mit uns geht.«
Es währte nicht lange, so kamen sie an den Ort, wo der Holzhauer arbeitete. Der Ritter näherte sich ihm mit einem sanften und einschmeichelnden Wesen und tat verschiedene Fragen an ihn, die dieser mit Verstand und Klugheit beantwortete. »Wo sind denn Eure Gehilfen hingegangen?« sagte Fortuné unter anderem, »ich sehe ja hier eine Menge gefällter Bäume.« Der Holzhauer antwortete, er habe sie alle allein in wenigen Stunden gefällt und es seien ihrer noch nicht genug zu einer Last. »Wie?« sagte der Ritter, »Ihr wollt doch nicht etwa all das Holz auf einmal aufhocken?« – »Warum nicht?« antwortete der Holzhauer. »Dies und noch mehr dazu, darum heiß ich auch Forteéchine, Mark-im-Buckel.« – »Wenn Ihr so stark seid«, sagte Fortuné, »so müßt Ihr wohl sehr viel verdienen?« – »Das eben nicht«, versetzte jener. »Die Leute sind hierzulande sehr arm. Jeder tut seine Arbeit, und man bittet nicht so leicht einen anderen um Hilfe.« – »Da dem so ist«, erwiderte Fortuné, »so denk ich, Ihr suchtet Euer Glück auswärts zu machen. Geht mit mir, und es soll Euch an nichts fehlen. Wenn Ihr aber Lust bekommt, wieder nach Hause zurückzukehren, so verspreche ich, Euch so viel Geld zu geben, als Ihr dazu nötig habt.« Der Holzhauer besann sich nicht lange, ließ seine Axt liegen und folgte seinem neuen Herrn.
Kaum hatten sie das Ende des Waldes erreicht, als sie in der Ebene einen Menschen fanden, der sich die Füße zusammenband und nur etwa so viel Raum ließ, daß er notdürftig schreiten konnte. Kamerad stand still und sagte zu seinem Herrn: »Dieser Mensch hier ist ebenfalls begabt. Du kannst ihn brauchen, nimm ihn mit.« Fortuné näherte sich ihm und fragte mit seiner gewohnten Leutseligkeit, warum er sich die Beine zusammenschnüre. »Ich rüste mich zur Jagd«, antwortete jener. »Wie?« versetzte der Ritter, »glaubt Ihr denn besser laufen zu können, wenn Ihr Euch einschnürt?« – »Das eben nicht«, antwortete er, »ich laufe weniger schnell, aber das ist auch meine Absicht. Wenn ich das nicht tue, so laufe ich über alle Hasen und Hirsche hin und bekomme keinen.« – »Ihr scheint mir ein außerordentlicher Mensch zu sein«, sagte Fortuné, »wie heißt Ihr?« – »Léger, Wie-der- Wind«, antwortete der Jäger, »unter diesem Namen bin ich hierzulande bekannt.« – »Wenn Ihr Lust habt, auch andere Länder zu sehen, so folgt mir. Es soll Euch an nichts fehlen, und viel zu tun werdet Ihr auch nicht haben.« Wie-der-Wind hatte in seinem Vaterlande wenig zu verlieren und trug also kein Bedenken, Fortunés Vorschlag anzunehmen, welcher die Reise mit seinen Begleitern fortsetzte.
Den folgenden Tag fand er an dem Ufer eines Sees einen Menschen, der sich die Augen verband. Das Pferd sagte zu seinem Herrn: »Ich rate dir, diesen Menschen in deine Dienste zu nehmen.« Fortuné fragte ihn sogleich, warum er sich die Augen verbinde. »Weil ich sonst gar zu gut sehe«, antwortete er. »Ich entdecke alles Wildbret in einer Strecke von vier Stunden, und ich tue keinen Schuß, ohne mehr zu erlegen, als ich brauchen kann. Ich muß mir also die Augen verbinden, und gleichwohl ist kein Vogelnest vor mir sicher. Es ist mir ein leichtes, in weniger als zwei Stunden ein ganzes Land davon zu reinigen.« – »Ihr seid ein geschickter Mann«, sagte Fortuné. »Wie heißt Ihr denn?« – »Sie heißen mich Tireur, den Scharfschütz«, antwortete er, »und Jagen ist mein Leben. Ich möchte um alles in der Welt nichts anderes treiben.« – »Gleichwohl hab ich große Lust, Euch vorzuschlagen, in meine Dienste zu treten«, sagte Fortuné. »Ihr könnt dabei immer Gelegenheit finden, Eure Kunst zu üben.« Der Scharfschütz machte anfänglich Schwierigkeiten, da er die Freiheit sehr liebte, und der Ritter hatte Mühe, ihn zu bereden. Endlich gelangte er zu seinem Ziel und entfernte sich von dem Ufer des Sees.
Als er eines Tages an einer Wiese hinritt, ward er einen Menschen gewahr, der auf einem Ohr lag und auf etwas zu lauern schien. »Herr«, hub Kamerad an, »dieser Mensch ist eben auch begabt. Nimm ihn in deine Dienste. Er wird dir von großem Nutzen sein.« Fortuné ritt auf die Wiese und fragte den Menschen, was er da mache. »Ich habe einige Kräuter nötig«, antwortete er, »und da horche ich, ob das, was wächst, meiner Absicht dienlich ist.« – »Habt Ihr denn ein so feines Gehör, daß Ihr das Gras wachsen hört?« – »Allerdings«, antwortete der Mann, »darum heiße ich auch Fine-oreille oder Feinohr.« – »Nun gut, Feinohr«, fuhr der Ritter fort, »hättet Ihr wohl Lust, in meine Dienste zu treten? Ich will Euch einen Lohn geben, mit dem Ihr zufrieden sein sollt.« Feinohr nahm diesen Vorschlag auf der Stelle an und folgte seinem liebenswürdigen Herrn.
Dieser setzte seinen Weg immer weiter fort und sah einen Mann an der Straße stehen, der die Backen aufgeblasen hatte und recht drollig aussah. Vor ihm, in einer Entfernung von zwei Meilen, lag ein Berg, auf welchem fünfzig bis sechzig Windmühlen standen. Das Pferd stand still und sagte zu seinem Herrn: »Dieser Mensch ist begabt. Nimm ihn in deine Dienste.« Fortuné näherte sich ihm und fragte ihn, was er mache. »Ich blase da ein wenig«, antwortete er, »um die Windmühlen dort in Bewegung zu setzen.« – »Seid Ihr denn nicht zu weit davon entfernt?« fuhr der Ritter fort. »Im Gegenteil«, war die Antwort, »wenn ich nicht die Hälfte meines Atems zurückhielte, hätte ich längst die Windmühlen mitsamt dem Berge umgeworfen. Ich bin auf diese Weise an manchem Unglück schuld, ohne es zu wollen. Neulich hatte mich meine Liebste übel behandelt, und indem ich darüber seufzte und stöhnte, stürzte ich einen ganzen Wald über den Haufen. Darum haben sie mir in der ganzen Gegend den Namen Impétueux, Sturmwind, gegeben.« – »Wenn es Euch hier nicht gefällt und Ihr den Leuten nicht ansteht, so kommt mit mir. Ihr habt gute Gesellschaft. Meine Begleiter sind ebenfalls mit außerordentlichen Talenten begabt.« – »Ich bin ein Freund vom Außerordentlichen«, antwortete Sturmwind, »und nehme Euren Vorschlag ohne Bedenken an.«
Fortuné verließ diese Gegend und war wieder eine ziemliche Strecke gereist, als er einen großen Teich erblickte, in den sich mehrere Quellen ergossen. An dem Ufer desselben stand ein Mensch, der sehr aufmerksam hineinsah. »Herr«, sagte Kamerad zu dem Ritter, »dieser Mensch fehlte noch zu deiner Reisebegleitung, und wenn du ihn bereden könntest, mit uns zu gehen, so könntest du von Glück sagen.« Der Ritter näherte sich ihm und fragte ihn, was er da mache. »Das sollt Ihr gleich sehen«, antwortete der Mensch. »Sobald der Teich voll ist, trink ich ihn mit einem Zuge aus. Ich habe ihn zwar schon zweimal ausgetrunken, aber gleichwohl habe ich noch entsetzlichen Durst.« Während der Zeit hatte sich der Teich gefüllt, und jener trank ihn rein aus. Fortuné und alle seine Begleiter sahen ihm mit Erstaunen zu. »Habt Ihr immer so argen Durst?« fragte ihn der Ritter. »Nicht immer«, antwortete jener, »nur wenn ich zuviel Eingesalzenes gegessen habe oder wenn es auf eine Wette ankommt. Um dieses Talentes willen nennt man mich auch Trinquet oder Saufaus.« – »Wißt ihr was, Saufaus«, versetzte der Ritter, »kommt mit mir, ich will Euch Wein zu trinken geben, der Euch besser schmecken soll als das trübe Wasser.« – »Mit Freuden«, antwortete Saufaus, und auf der Stelle folgte er seinem neuen Herrn nach.
Schon erblickten sie in der Ferne das Lager des Königs, als ihnen ein Mensch aufstieß, der von einer unzähligen Menge von Broten umringt war und mit einem solchen Heißhunger aß, als sei er entschlossen, kein einziges von all diesen Broten übrigzulassen. »Herr«, sagte Kamerad zu Fortuné, »suche diesen Menschen zu gewinnen, er fehlt uns noch.« Der Ritter näherte sich ihm und sagte lächelnd: »Wollt Ihr all das Brot zu Eurem Frühstück essen?« – »Natürlich«, antwortete jener. »Mein einziger Kummer ist, daß ich nicht mehr habe, aber die Bäcker sind so faule Kerle, daß sie sich den Henker darum kümmern, ob unsereins Hunger hat oder nicht.« – »Wenn Ihr aber alle Tage soviel braucht«, sagte Fortuné, »so müßt ihr in kurzer Zeit ein ganzes Land aushungern können.« – »Das wäre mir nicht lieb«, antwortete Grugeon oder Vielfraß – so hieß er -, »wenn ich alle Tage solchen Appetit hätte. Das kommt nur so von Zeit zu Zeit.« – »Freund Vielfraß«, fuhr der Ritter fort, »kommt mit mir, und es soll Euch an nichts fehlen, Essen genug, einen leichten Dienst, mit einem Wort, es soll Euch nicht gereuen, in meine Dienste getreten zu sein.«
Es bedurfte wenig Beredung, und Vielfraß ging mit. Das Pferd hatte nun die Vorsicht, seinem Herrn zu sagen, er möchte allen seinen Leuten verbieten, sich ihrer außerordentlichen Gaben zu rühmen. Er rief sie also zusammen und legte ihnen ein unverbrüchliches Stillschweigen auf, indem er ihnen seinerseits versprach, sie alle glücklich zu machen. Jeder schwor ihm, seinen Befehlen gemäß zu handeln, und kurz darauf kamen sie in die Stadt, wo der König sein Hoflager hielt. Fortunés Schönheit und die Pracht seines Aufzuges erregten auch hier großes Aufsehen, und der König, der sogleich von dem schönen Ritter Nachricht bekommen hatte, konnte kaum die Zeit erwarten, da er ihn sehen sollte.
Endlich kam der Tag der Revue, die auf einer großen Ebene vor der Stadt gehalten wurde, und mit Aufgang der Sonne begab sich der König mit seiner Schwester und mit seinem ganzen prächtigen Hofstaate dahin. Fortuné war nicht der letzte, welcher erschien. Jedermann warf die Augen auf ihn, jedermann fragte, wer er sei, und als der König bei ihm vorüberkam, machte er ihm ein Zeichen, sich zu nähern.
Fortuné stieg sogleich vom Pferd und trat vor den König. Eine lebhafte Röte überzog seine Wangen, als er merkte, wie aufmerksam er betrachtet wurde, und diese Röte erhöhte den Glanz seiner Schönheit noch mehr. »Ich freue mich«, redete der König ihn an, »von Euch selbst zu erfahren, wer Ihr seid und wie Ihr Euch nennt.« – »Sire«, antwortete der Ritter, »ich heiße Fortuné, doch bis zu diesem Augenblick hatte ich noch keine Ursache, diesen Namen zu tragen, denn mein Vater, der Graf, welcher an der Grenze wohnt, ist ebenso arm, als er edel und vornehm ist.« – »Nun«, antwortete der König, »Madame Fortuna, die Ihr Eure Patin nennt, hat es nicht übel mit Euch gemeint, Euch hierherzubringen. Ich erinnere mich, daß Euer Vater dem meinigen wichtige Dienste geleistet hat, und ich werde sie ihm an Euch zu vergelten suchen.« – »Das ist nicht mehr als billig«, setzte die verwitwete Königin hinzu. »Ich erinnere mich des Grafen sehr genau, und Ihr könnt mir ohne Bedenken die Sorge überlassen, auf die Belohnung seines Sohnes zu sinnen.«
Fortuné war über diese Aufnahme entzückt, dankte dem König und seiner Schwester mit wenigen Worten, aber mit der besten Manier von der Welt. Er bestieg hierauf sein Pferd und mischte sich unter den Adel, der den König begleitete. Die Königin sah sich also nach ihm um, und die Hofdamen folgten dem Beispiel ihrer Gebieterin. Fortuné konnte sich seinerseits nicht enthalten, seine Augen auf den König zu heften, der der schönste und liebenswürdigste Mann seiner Zeit war. Bellebelle hatte mit dem Unterrock ihr Geschlecht nicht abgelegt, und sie fühlte ihr Herz unruhig schlagen, wenn der König seine Augen von ungefähr auf sie warf. Er ernannte Fortuné zu seinem Stallmeister und stritt sich deswegen mit der Königin, die ihn an ihre Person fesseln wollte.
Fast täglich rief Fortuné seinen Koffer und nahm ein neues Gewand heraus. Er war immer viel prächtiger gekleidet als die Prinzen, die sich an dem Hofe aufhielten, so daß ihn die Königin einige Male fragte, wie er bei den geringen Mitteln seines Vaters diesen Aufwand bestreiten könne. »Gesteht nur die Wahrheit«, sagte sie bisweilen zu ihm, »Ihr habt eine Geliebte, die Euch mit allen den schönen Sachen versieht, die wir an Euch wahrnehmen.« Dann errötete Fortuné und antwortete immer ehrfurchtsvoll, aber unbestimmt auf die Fragen, welche die Königin an ihn tat.
Seinen Dienst versah er auf das pünktlichste, denn er tat ihn mit Freuden, seinem Herrn zuliebe, zu dem er sich von Tag zu Tag stärker hingezogen fühlte. Bisweilen erschrak der arme Ritter, wenn er an seine Lage dachte: Was soll mein Schicksal sein? sagte er dann zu sich selbst. Ich liebe einen mächtigen König, ohne jemals auf Gegenliebe rechnen zu dürfen. Ach! er wird meine Leidenschaft nicht einmal bemerken.
Der König überhäufte ihn seinerseits mit Gunstbezeigungen, und die Königin dachte in allem Ernste daran, sich heimlich mit ihm zu verheiraten, doch ihre ungleiche Geburt machte ihr noch einige Sorgen. Aber sie war nicht die einzige, welche Neigung und Liebe für ihn fühlte. Die schönsten Damen ihres Hofes waren ebenso gesinnt als sie. Alle wetteiferten, ihm zu gefallen; jede suchte seine Gunst zu erringen und ihre Nebenbuhlerin auszustechen. Aber ach! Fortuné blieb bei all ihren Schmeicheleien, ihren Liebesbriefchen, ihren Geschenken kalt und gefühllos. Sie schmollten, auch das half nichts. Sie schmachteten, er schien es nicht zu bemerken. Mit einem Wort, Fortuné tat alles, um die armen Weiber in Verzweiflung zu bringen, die vor Verlangen brannten, sich ihm auf Gnade und Ungnade zu ergeben: Er holte alle Preise beim Turnier, tötete auf der Jagd mehr Wild als die anderen, tanzte auf den Bällen mit einer Grazie, die keiner der Höflinge besaß, kurz, es war ein Vergnügen, ihn zu sehen und zu hören.
Die Königin war am allerübelsten dran. Sie wollte sich gern die Verlegenheit ersparen, ihm ihre Neigung zu gestehen, aber Fortuné kam ihr keinen Schritt entgegen, sondern hielt sich immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung. Endlich trug sie ihrer Vertrauten Floride auf, ihm zu verstehen zu geben, daß so viele Zeichen der Gewogenheit, die ihm eine junge und schöne Königin gebe, wohl etwas mehr als bloße Gnade zum Grunde haben möchten.
Floride war bei diesem Auftrage in großer Verlegenheit. Sie war dem Schicksal der übrigen Damen nicht entgangen, und Fortuné schien ihr selbst viel zu liebenswürdig, als daß sie die Pläne der Königin hätte befördern wollen. Statt also die Aufträge ihrer Gebieterin auszurichten, unterhielt sie den Ritter mit Erzählungen von der üblen Laune und dem Eigensinn der Königin, von ihren Ungerechtigkeiten und dem Mißbrauch, den sie mit der Gunst des Königs trieb. »Ich sollte Königin sein«, sagte sie dann, »ich wollte anders handeln, denn die Großmut ist meine Leidenschaft. Wie wollte ich dann den schönen Fortuné glücklich machen! Er würde mich aus Dankbarkeit lieben, wenn er mich nicht aus Neigung liebte.«
Dem Ritter mißfiel diese Art Unterhaltung, denn sie setzte ihn in Verlegenheit, und er vermied Floride, so gut er konnte. Diese brachte der Königin keine tröstlichen Nachrichten. »Der Ritter ist so furchtsam«, sagte sie, »daß er kein Wort von alledem glauben will, was ich ihm von Eurer Neigung gesagt habe, wenigstens stellte er sich so, denn ich kann mich nicht enthalten zu glauben, daß er irgendeine geheime Leidenschaft in seinem Herzen nährt.« – »Ich vermute selbst so etwas«, sagte die Königin. »Könnten wir denn aber nicht seinen Ehrgeiz rege machen und so seine Leidenschaft einschläfern?« – »Wie?« antwortete Floride, »wollt Ihr sein Herz Eurer Krone danken? Wenn man so jung und schön ist wie Ihr, wenn man sich so vieler herrlicher Eigenschaften und Talente rühmen kann, sollte man da seine Zuflucht zu einem Diadem nehmen?« – »Man nimmt seine Zuflucht zu allem«, antwortete die Königin, »wenn man verliebt ist und ein widerspenstiges Herz zu bezwingen trachtet.«
Floride wagte es nicht, ihr etwas zu entgegnen, und die Königin suchte nun selbst ein Mittel, sich mit Fortuné zu unterhalten und ihn auf bessere Wege zu bringen. Sie wußte, daß er alle Morgen ganz früh in einem kleinen Wäldchen spazierenging, das unter ihrem Fenster lag. Sie stand also mit der Morgenröte auf und stellte sich an das Fenster, ihre Augen nach der Gegend gerichtet, in welcher er erscheinen mußte. Es währte auch gar nicht lange, so kam er niedergeschlagen und langsam einher. Die Königin rief Floride. »Du hast ganz recht«, sagte sie zu ihr, »Fortuné muß verliebt sein. Sieh nur, wie traurig er aussieht!« – »Das habe ich auch bei allen Gesprächen bemerkt«, entgegnete Floride, »und es wäre gut, Herrin, wenn Ihr ihn vergessen könntet.« – »Dafür ist es schon zu spät«, sagte die Königin mit einem tiefen Seufzer. »Laß uns hinabsteigen und ihm folgen, vielleicht machen wir eine Entdeckung.«
Floride wollte ihr nicht widersprechen, so große Lust sie auch hatte. Sie gingen hinunter, und kaum hatten sie den Fuß in das Wäldchen gesetzt, als sie den Ritter folgende Worte singen hörten:

»Wo Amor wohnt, flieht die Zufriedenheit,
Zwar scheint das Glück mich lächelnd zu liebkosen,
Doch ach! Wie bald verwelken nicht die Rosen,
Die seine Hand auf unsre Pfade streut!«

Fortuné hatte in diesem Lied seine Gefühle für den König besungen. Die Königin gab diesen Worten jedoch einen ganz anderen Sinn. »Wie?« sagte sie. »Dieser Undankbare fürchtet die Liebe und zittert vor dem Glück, daß ich ihm zubereite! Er prahlt mit seiner Eroberung, zu stolz, sich selbst besiegen zu lassen, und zu übermütig, meine leisen Wünsche zu hören!« – »Er ist noch zu jung«, sagte Floride, »um der Vernunft Gehör zu leihen. Wenn ich es wagen dürfte, Euch zu raten, so sucht einen Menschen zu vergessen, der Eure Gnade so wenig zu schätzen weiß.« Die Königin schoß einen zornigen Blick auf ihre Vertraute, eilte nach der Laube zu, in welcher sich der Ritter befand, und stellte sich betroffen, ihn an einem Orte zu sehen, wo sie sich ganz allein geglaubt hatte.

Skip to content