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Märchenbasar

Der Baumgeist vom Michlhof

Vor vielen hundert Jahren lebte ein armer Handwerksbursche, der hieß Michl. Er verliebte sich in die Tochter des reichsten Bauern in Stubenberg.
Sie konnten sich nur im Geheimen treffen, denn der Vater der jungen Frau war hartherzig und hätte einer Heirat niemals zugestimmt. Zudem hatte er als Bräutigam seinen Nachbarn auserkoren, der zwar alt und unansehnlich war, auf dessen Hof er aber schon lange ein Auge geworfen hatte. Er sah nur die Vorteile dieser Verbindung, wäre er durch sie doch der reichste Bauer der ganzen Region geworden. Die Gefühle seiner Tochter, die sich vor den Nachbarn fürchtete, berührten ihn gar nicht.
Bald war alles ausgehandelt und ein Datum für die Hochzeit festgelegt.
Die junge Frau und Michl trafen sich des Nachts und zerbrachen sich verzweifelt die Köpfe, was sie tun könnten, doch es fiel ihnen keine Lösung ein.
Als der Morgen graute, schwor Michl seiner Geliebten, nichts unversucht zu lassen, um die unglückliche Heirat zu verhindern. Dann trennten sich die beiden schweren Herzens, nicht, ohne sich vorher ewige Liebe zu geloben.
Michl wanderte den Berg hinauf und dachte darüber nach, wie er zu Reichtum käme, denn das schien ihm der einzige Weg, den Vater des Mädchens umzustimmen.
In seiner Verzweiflung rief er den Teufel an. Er dachte, der Beelzebub hatte schon manchem zu Reichtum verholfen. Dass er dabei seine Seele an das Böse verkaufen sollte, schien ihm ein kleines Übel.
Kaum hatte er ausgesprochen, erschien tatsächlich in einer stinkenden Schwefelwolke der Teufel. Er hatte sich keine Mühe gemacht, seine wahre Gestalt zu verhehlen. Er stampfte mit dem Pferdehuf auf und blies Rauch aus den Nüstern. Die Hörner sahen so furchterregend aus, dass Michl fast vor Angst davongelaufen wäre. Doch da dachte er an seine Geliebte, schluckte, nahm allen Mut zusammen und trat vor den Teufel, um sein Begehren vorzutragen.
Der Satan rieb sich beide Hände, als er Michls Wunsch vernahm, denn so einfach wurde es ihm sonst nicht gemacht. Er sagte zu Michl, er solle auf den Berg hinaufgehen. Dort gäbe es an einer bestimmten Stelle einen Baum, neben dessen Wurzeln ein Schatz vergraben wäre.
Michl wollte gleich loslaufen, doch der Teufel hielt ihn zurück. „Der Pakt muss mit deinem Blut besiegelt werden“, forderte er.
Michl nahm sein Messer, ritzte sich in den Finger und ließ drei Bluttropfen auf das Pergament fallen, das der Beelzebub hervorgezaubert hatte. Das Blut zischte und brodelte, als es das Papier berührte. Der Höllenfürst lachte grausig und war mitsamt dem Vertrag so plötzlich verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
Michl machte sich auf den Weg zu dem Baum, den ihm der Teufel beschrieben hatte. Nachdem er angekommen war, begann er mit bloßen Händen zu graben, denn eine Schaufel hatte er nicht. Viele Stunden verbrachte er damit, die Wurzeln freizulegen. Tage und Nächte arbeitete er wie besessen ohne Schlaf und Nahrung. Endlich, Michl wusste nicht mehr welcher Tag es war, oder wie lange er gebraucht hatte, stieß er auf Metall. Mit neuem Mut und frischer Kraft grub er weiter, bis er die Eisenkiste aus dem Boden heben konnte. Ohne sie zu öffnen, er wollte weder Zeit vergeuden, noch hatte er das passende Werkzeug dafür, nahm der die Kiste und trug sie auf seinem Rücken den Berg hinunter, schnurstracks zum Hof seiner Geliebten.
Als er aber bei der Dorfkirche vorbeikam und die Glocken läuteten, wurde die Kiste auf seinem Rücken schwerer und schwerer, sodass er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Mit einem tiefen Seufzer ließ er die Truhe fallen. Außer Atem vor Anstrengung blieb er dort, wo er war, stehen und betrachtete das Gotteshaus. Großes Verlangen überkam ihn, hineinzugehen, um Gottes Trost zu suchen und die Beichte abzulegen, doch seine Füße verweigerten ihren Dienst. Er war unfähig, auch nur einen Schritt über die Schwelle der Kirche zu setzen.
Indessen ging die Pforte auf und eine Menschenmenge strömte heraus. Alle waren festlich gekleidet und ganz hinten schritten eine Braut in weißem Kleide und der benachbarte Bauer, die eben den Bund fürs Leben geschlossen hatten.
Als die Braut an Michl vorbeikam, blickte sie ihn traurig an. Mit leiser Stimme, damit niemand anderer sie hören konnte, sprach sie: „Ich habe auf dich gewartet, sechs Wochen, sechs Tage und sechs Stunden, doch länger konnte ich die Hochzeit nicht hinauszögern. Jetzt ist es zu spät.“ Mit Tränen in den Augen ging sie weiter, hin zu ihrem angetrauten Ehemann.
Erst jetzt sah sich Michl um und bemerkte, dass aus dem Frühling bereits Sommer geworden war. Die vielen Wochen, die in der Zwischenzeit vergangen waren, schienen ihm wie Stunden gewesen zu sein. Für Nichts hatte er seine Seele dem Teufel verpfändet, denn der Schatz nützte ihm nun auch nicht mehr.
Langsam wandte er sich um, hob die Eisentruhe auf seinen Rücken und wanderte zurück zu dem Baum, wo er sie gefunden hatte. Mit jedem Schritt, den er sich von dem heiligen Haus entfernte, wurde der Schatz leichter und leichter. Dennoch schien es ihm, als müsste er die Bürde der ganzen Menschheit tragen, so schwer fiel ihm sein Gang. Oben angekommen, ließ er die Kiste in die Grube hineinfallen, sprang hinterher, setzte sich auf die Truhe und weinte.
Augenblicklich begann der Himmel unheimlich zu grollen, ein Unwetter zog auf und Regen strömte aus den dunklen Wolken, als wäre das Ende der Welt angebrochen. Das Wasser schwemmte alles Erdreich in die Grube und verschüttete den Schatz samt Michl.
Dort, wo er sein Grab gefunden hatte, begann es aber nach dem Regen zu blühen und zu sprießen. Da Michl nicht aus Habgier und Eigennutz, sondern aus Liebe gehandelt hatte, konnte sich das Böse nur eines kleinen Teiles der Seele bemächtigen, weil gegen die Liebe selbst der Teufel machtlos ist, Vertrag hin oder her.
Da Michl ein gutherziger Mensch gewesen war, strahlte seine letzte Ruhestatt so viel Kraft aus, dass die Gegend rund um den Baum bald als besonders fruchtbar und glücksbringend angesehen wurde. Eben dort entschloss sich später ein junger Mann dazu, seinen Hof zu erbauen. Im Andenken an den unglücklichen Michl wurde der Hof „Michlhof“ genannt und das Glück scheint den Besitzern bis heute hold geblieben zu sein.
Den Überlieferungen nach erscheint der Michl alle 100 Jahre bei Vollmond als Geist in der Krone des Baumes und wartet darauf, von einem verständigen Menschen erlöst zu werden, dem er seine Geschichte erzählen kann, auf dass sie nie in Vergessenheit gerät.

Quelle: Berta Berger