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Märchenbasar

Der Goldmacher auf Stolzenfels

In einer stürmischen Nacht, in der ein heulender Orkan über die Zinnen brauste und die Wetterfahne krächzend bald nach rechts, bald nach links drehte, in der Regengüsse niederrauschten und die Erde wegzuspülen schienen, pochte ein Pilger an den Toren der Burg Stolzenfels und wurde von dem Schatzhüter des Erzbischofs, Werner von Falkenstein, gastfreundlich aufgenommen. Der Pilger nannte sich Maso und war ein finsterer hagerer Mann, dessen dunkler Bart ihm bis zum Gürtel fiel und seinem Gesicht einen Ausdruck von nachdenkendem Ernst gab, der oftmals sonderbar mit dem tückischen und schadenfrohen Blitzen in seinen Augen kontrastierte. Seine Sprache war rätselhaft, gemessen – und wenn er in Eifer kam, voll pathetischen Schwunges. Seine Gestalt erhob sich ansichtlich, seine Augen glühten, und eine gewisse Majestät umgab sein ganzes Wesen. Um jene Zeit der entstehenden Wissenschaft waren selbst tüchtige Geister auf die Abwege der Alchimie, Astrologie und Magie geraten. Man glaubte durch die errungenen Anfangskenntnisse schon Herr der Natur zu sein und zog den Hang zum Wunderbaren in den Kreis der Forschung, um hierdurch in die Tiefen ihrer Gesetze einzudringen. Besonders war es die Goldmacherkunst, welche die hellsten Köpfe eingenommen hatte; denn Gold war damals wie heute, der erste Hebel zur Macht, und viele Truhen waren durch die fortwährenden Fehden und die notwendige Haltung von Söldnern arg geleert. Auch der Schatzmeister ergriff die Leidenschaft des Schmelzens, und als der gastfreundlich aufgenommene Pilger sich als einen Gelehrten in der Kunst des Schmelzens zu erkennen gab und die Tiefen seiner Kenntnisse vor dem lauschenden Ohre des Ritters mit geheimnisvoll durchwebten Worten entrollte, war es beschlossene Sache des Ritters, auch sein Glück zu versuchen, um den Stein der Weisen zu finden. Er richtete dem Pilger ein abgelegenes Burggemach ein und brachte tagelang hier zu, um sich immer noch tiefer in das lockende Netz des zu gewinnenden Reichtums verstricken zu lassen. Der Schatzmeister hatte eine Tochter, die in holder Anmut herangewachsen war und mit Liebe ihrem Vater das Leben versüßte. Mit geheimer Angst sah sie ihn mit dem ihr unheimlichen Menschen verkehren, und tiefes Weh bereitete ihr sein in der letzten Zeit so auffallendes und unstetes Benehmen. Er achtete nicht mehr auf ihre Liebkosungen wie früher, ja sie schienen ihm manchmal lästig, und länger als gewöhnlich schloß er sich in das entlegene Gemach, von dem er stets niedergeschlagener und trübsinniger hervorkam. Eines Tages kehrte ein Ritter auf der Burg mit der Nachricht ein, daß der Erzbischof mit einigen Edlen und Rittern ihm folgen und einige Tage am Rhein verbringen werde. Mit Schrecken gewahrte Elsbeth – so hieß das Mädchen – den Eindruck, den diese Nachricht auf ihren Vater übte, denn bleich und verstört taumelte er zurück und wußte sich fast nicht zu fassen. Später, als er sich allein glaubte, sah sie ihn auf und ab eilen, sich an die Stirn schlagen – und sie hörte ihn darauf laut weinen. Aus innerem Herzen mitweinend, wollte sie in seine Arme eilen, aber mit einem wilden, an Wahnsinn grenzenden Ausdruck, lief er in das geheimnisvolle Gemach und schloß sich darin ein. Das Mädchen, von der Sorge um ihren Vater getrieben, eilte ihm nach und blieb wie gebannt an der Tür stehen, wo sie seine Stimme hörte, die sich in heftigen Vorwürfen und Klagen erging. Wie vom Blitz gerührt, taumelte sie bleich und voll Entsetzen bei dem Gehörten zurück, mußte gewaltsam den Busen zusammenpressen, um den Schrei der Verzweiflung zu unterdrücken, der sich loszulösen drängte. Ihrer Sinne fast nicht mächtig und nicht mehr Herr über die wankenden Glieder, lehnte sie sich an die Wand, und nur ein tiefes, lautloses Schluchzen erschütterte das Herz, das ihr zu brechen schien vor Weh und Qual. Gemessen antwortete eine Stimme den heftigen Worten ihres Vaters. In hinreißender Rhetorik entwickelte diese Stimme die Gründe der stets verfehlten Schmelzung und schloß mit den Worten: „Bringt mir eine reine, makellose Jungfrau, deren Herz noch niemals einen Mann gefühlt hat, und Ihr sollt das Gold gewinnen. Nur Euer Eigensinn hat bis jetzt die Operation mißlingen lassen.“ „Ungetüm! Mit einem Mord soll ich mich beflecken!“ schrie der gepeinigte Mann. „Meine Habe und meine Ehre habe ich eingeschmolzen, das Vertrauen meines Gebieters mißbraucht, soll ich mich auch mit Blutschuld bedecken und ein Mörder werden! Fluch deiner betrügerischen Kunst! Mein Gold schaff mir, oder mit eigenen Händen erwürg ich dich!“ „Nur das Herzblut einer Jungfrau läßt die Schmelzung gelingen; doch wenn Ihr es wünscht, versuche ich es noch einmal!“ „Versucht! Versucht! Ich muß das Gold haben. Ich will das Gold haben, und wenn ich der Hölle mich verkaufen sollte!“ Heftig flog die Tür auf, und er stürzte mit wilden Sätzen hinweg, um in der freien Natur seine Qual zu betäuben. Mit einem spöttischen Lächeln schaute der Alchimist ihm nach; doch sein Lächeln verschwand plötzlich und machte einem staunenden und bewundernden Ausdruck Platz, denn vor ihm stand hoch und bleich Elsbeth und schaute ihn mit tränenlosen, aber brennenden Augen an. „Ich habe alles gehört, und ich bin die Jungfrau, welche für ihren Vater das Herzblut opfern will und kann.“ Ein wilder Blitz zuckte in dem glühenden Auge des Adepten auf und haftete auf dem Mädchen. Aber der Meister in der Kunst der Verstellung wußte diesen Blitz augenblicklich zu verwischen, und liebvoll und wohlwollend sprach er zu ihr und suchte dabei ihre Hände zu fassen. Schaudernd und voller Absicht trat Elsbeth zurück.
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