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Märchenbasar

Der Page und der Silberkelch

Es war einmal ein kleiner Page, der diente auf einem stattliche Schloss Er war ein gutmütiger kleiner Bursche und erfüllte seine Pflichten so willig und brav, dass ihn jedermann gern hatte, von dem hohen Grafen an, dem er täglich auf gebeugten Knie aufwartete, bis hin zu dem dicken, alten Kellermeister, dessen Aufträge er ausführte.
Das Schloss stand auf einer Klippe hoch über dem Meer, und obwohl die Mauern auf dieser Seite sehr stark waren, befand sich in ihnen eine kleine Hintertür. Sie ging auf eine schmale Treppenflucht hinaus, die an der Vorderseite der Klippe zum Seeufer hinabführte, so dass jeder, der es mochte, an schönen Sommermorgen dort hinuntergehen und im schimmernden Meere baden konnte.
Auf der anderen Seite des Schlosses waren Gärten und Spielgründe, die an einem langen Streifen heidebedeckten Ödlandes grenzten. Der kleine Page liebte es sehr, auf die Heide hinauszugehen, wenn seine Arbeit getan war; denn dann konnte er so viel herumtollen, wie er wollte, Hummeln jagen und Schmetterlinge fangen und nach Vogelnestern ausgucken, wenn es Brutzeit war.
Der alte Kellermeister war sehr damit einverstanden; denn er wusste, wie gesund es für einen munteren kleinen Burschen ist, sich viel im Freien herumzutreiben. Aber bevor der Junge hinausging, pflegte ihm der alte Mann immer die Mahnung mitzugeben: “Pass auf, mein Kerlchen, und halte dich fern von dem Elfenhügel; denn dem kleinen Volk ist nicht zu trauen.”
Dieser Elfenhügel, von dem er sprach, war eine kleine grüne Anhöhe, die nicht zwanzig Ellen vom Gartentor entfernt auf der Heide lag. Die Leute sagten, sie sei die Wohnstätte von Feen, die jeden voreiligen Sterblichen, der sich ihnen nähere, schwer bestraften.
Nun war der kleine Page ein abenteuerliche Wicht, und anstatt vor den Feen Angst zu haben, war er neugierig und wollte ausspüren, wie es bei ihnen aussah. So schlich er sich eines Nachts, als alle im Schloss im Schlafe lagen, durch die kleine Hintertür und stahl sich die Steintreppen hinunter und am Meeresufer entlang, bis herauf zum öden Heideland , und dann ging er stracks auf den Feenhügel los. Zu seiner Freude fand er die Spitze des Feenhügels aufgekippt. Aus der klaffenden Öffnung strömten Lichtstrahlen hervor.
Sein Herz schlug heftig vor Erregung, aber er nahm allen Mut zusammen, beugte sich nieder und schlüpfte ins Innere des Hügels. Dort fand er einen weiten Raum, den von zahllosen winzigen Kerzen erleuchtet war, und um einen blanken Tisch saßen Scharen des kleinen Volkes, Feen und Elfen und Gnomen, in Grün und Gelb und Rot, in Blau und Lila und Scharlach gekleidet, kurz in allen Farben, die man sich nur denken kann. “Holt den Kelch!” rief plötzlich eine unsichtbare Stimme, und sogleich eilten zwei kleine Feenpagen, ganz in scharlachroter Livree, vom Tisch zu einem kleinen Schrank im Felsen und kehrten taumelnd unter der Last eines wertvollen Silberkelches zurück. Sie setzten ihn mitten auf den Tisch, und unter Händeklatschen und Freudengeschrei begannen alle Feen daraus zu trinken. Der Page konnte von seinem Verstecke aus sehen, dass niemand Wein hineingoss und der Kelch doch immer voll war. Sogar der Wein, der darin funkelte, blieb nicht derselbe, sondern jeder Elf, wenn er nach dem Fuße griff, wünschte sich den Wein, den er am liebsten mochte, und schau, im Augenblick war der Kelch voll davon.
Es wäre eine feine Sache, hätte ich den Kelch bei mir zu Haus, dachte der Page. Niemand wird glauben, ich sei hier gewesen, wenn ich nichts mitgebracht habe. So nahm er sich Zeit und passte auf.
Plötzlich sahen ihn die Feen. Anstatt ärgerlich über seine Kühnheit und sein Eindringen zu sein, scheinen sie sehr erfreut, ihn zu sehen und luden ihn ein, am Tisch Platz zu nehmen. Aber allmählich wurden sie gar grob und unverschämt und spotteten über ihn, dass er damit zufrieden sei, bloßen Sterblichen zu dienen. Sie erzählten ihm, sie sähen alles, was auf dem Schlosse vorginge, und dabei machten sie sich lustig über den alten Kellermeister, den der Page von ganzem Herzen liebte. Außerdem lachten sie über sein Essen und sagten, es wäre gerade für Tiere gut genug. Und wenn irgendeine neue Leckerei von den scharlachroten Pagen aufgetragen wurde, schoben sie die Schüssel zu ihm hinüber und meinten: “Koste einmal; denn solche Sachen bekommst du im Schloss doch nicht zu schmecken!”
Zuletzt konnte er ihren spöttische Bemerkungen nicht länger widerstehen; außerdem wusste er, wenn er sich den Kelch sichern wollte, so durfte er keine Zeit verlieren. So sprang er plötzlich auf und fasste ihn fest mit der Hand: “Ich trinke euch mit Wasser zu!” rief er, und sofort verwandelte sich der rubinrote Wein in klares kaltes Wasser. Er hob den Kelch an die Lippen, aber er trank nicht davon. Mit einem plötzlichen Schwung schüttete er das Wasser über die Kerzen, und im Nu war der Raum in Dunkelheit gehüllt.
Er drückte den kostbaren Becher fest in die Arme, eilte aus der Öffnung des Hügel. Es war die höchste Zeit; denn mit einem Krach schlug sie hinter ihm zu. Und nun hastete er über die nasse, taubedeckte Heide, die ganze Schar der Feen auf den Fersen. Sie waren außer sich vor Ärger, und nach dem schrillen Wutgeheul, das sie ausstießen, konnte sich der Page wohl denken, dass er keine Gnade von ihnen zu erwarten hatte, wenn sie ihn griffen.
Und ihm sank der Mut; denn war er auch flink zu Fuß, so war ihm das Elfenvolk doch weit überlegen und gewann ständig an Raum. Alles schien verloren, als plötzlich eine geheimnisvolle Stimme aus der Dunkelheit ertönte:

“Willst du an der Schlosstür stehen,
Musst über die schwarzen Steine am Ufer gehen!”

Sofort wandte er sich um und stürmte keuchend ans Ufer hinunter. Seine Füße sanken tief ein in den trockenen Sand, sein Atem ging stoßweise, und er merkte wohl, er werde den Kampf aufgeben müssen. Aber er riss alle Kräfte zusammen, und gerade, als die vorderste der Feen Hand an ihn legen wollte, sprang er über die Wassermarke auf den festen feuchten Sand, von dem sich die Wogen eben zurückgezogen hatten, und da wusste er, dass er gesichert war.
Das kleine Volk konnte keinen Schritt weiter vordringen, sondern stand auf dem trockenen Sand und kreischte vor Wut und Enttäuschung, während der Page am Ufer entlang rannte, den köstlichen Kelch in den Armen, behände die Treppen im Felsen aufstieg und durch die Hintertür verschwand. Und noch viele Jahre lang, lange nachdem der Page groß und ein tüchtiger Graf geworden war, blieb der wunderbare Kelch in dem Schlosse als Zeugnis seines Abenteuers.

Aus Schottland

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