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Märchenbasar

Der Ursprung der Bäder

Vor langer, langer Zeit, als noch Gott und der heilige Petrus auf der Welt wandelten, sagte er an einem Tage im Herbst zu Petrus: »Du Petrus, komm, wir gehen einmal in das Weinland, daß wir sehen, wie die Menschen noch da herum sind.« – »Ich komme.« Petrus nahm den Stock und Tornister, und sie lenkten ihre Schritte auf die Straße. Als sie fast einen Tag gewandert, kamen sie an einem Weingarten vorbei, der nahe an einem Dorf lag und in drei Teile geteilt war. In diesem Dorf hatte ein armer Mann gelebt, der hatte nichts als diesen Weingarten und drei Söhne. Als er gestorben war, hatten die drei Brüder den Weingarten geteilt, und weil sie zu arm waren, um einen Hüter zu bezahlen, hüteten sie der Reihe nach. »Ich bin so durstig, wie möchte ich doch eine Traube essen«, sagte Petrus. Gott bat den Jüngling um eine Traube. An dem Tage hütete der älteste den Weingarten. Der ging gleich und brachte zwei der schönsten süßen Trauben aus seines Bruders Teil. Gott nahm sie und warf sie weg, sie waren gestohlen. Am nächsten Tage hütete der mittlere Bruder. Gott kam wieder vorbei und bat um eine Traube, der Jüngling brachte sogleich zwei schöne Trauben aus des jüngsten Weingarten. Gott nahm sie und warf sie fort neben die Straße, sie waren gestohlen.
Er ging mit Petrus in das Dorf für die Nacht. Gott weiß alles. Er wußte, daß im Dorf ein reicher Mann wohnte, der eine schöne Tochter hatte. Jetzt gedachte Gott, er wolle probieren, ob dieses Mädchen Glauben und ein gutes Herz habe. Er klopfte ans Fenster und bat um Herberge für die Nacht. Der Alte rief sie herein und setzte sie an den Tisch. Das Mädchen lief gleich, kochte Paluckes, brachte in einer Schüssel Milch und bat die Fremden mit freundlichen Worten zu essen. Sie würden hungrig sein und müde vom weiten Wandern. Der Alte brachte auch Branntwein und ehrte die Fremden, wie es sich gehört. Als sie gegessen, brachte die Tochter Stroh herbei, bereitete ein Bett damit sie sich ausruhen und am nächsten Morgen mit Gott weiter gehen könnten. Dies Mädchen gefiel Gott.
Am Morgen brachen sie auf und kamen wieder am Weingarten vorbei. Jetzt hütete der jüngste. Gott verlangte eine Traube. Der Bursche brachte ein Körbchen voll der schönsten aus seinem eignen Teil. Nun, Gott nahm sie und aß sie mit Petrus mit Genuß, diese waren nicht gestohlen, sie waren aus ganzem Herzen geschenkt. Als sie gegessen, sprach Gott zum Jüngling: »Mein Sohn, was wünschst du dir von Gott?« – »Was soll ich wünschen? Ich wünsche mir eine gute Frau, die auch den Glauben hat, welchen ich habe.« – »Komm mit uns, ich weiß ein Mädchen, wie du es wünschst, ich will dir nanas (Beistand) sein.« Der Jüngling ging mit ihnen, und jetzt gingen sie alle drei auf die Freite. Der Jüngling ging mit den beiden, er wußte aber nicht, daß er mit Gott und dem heiligen Petrus ging. Als sie in das Haus kamen und das Mädchen den Burschen sah, gefiel er ihr gleich, und bald machten sie Hochzeit.
Petrus schenkte ihnen vier Pferde und einen Wagen. Aber Gott fragte sie, was sie sich von Gott wünschten? Der junge Mann antwortete: »Gott hat mir eine gute Frau gegeben, gläubig wie ich, wenn mir jetzt auch noch ein Wunsch zukäme, würde ich bitten um ein gemauertes Haus an einem See. Das Wasser in diesem See soll heilkräftig sein, daß ich die kranken Menschen, welche zu mir kommen, heilen kann.« Gott sprach: »Gott gebe dir, was du wünschest, mein hinule« (so heißt der Beistand den jungen Mann nach der Trauung, der junge Mann nennt den Beistand Nanasch oder Nanu). »Aber jetzt setze dich mit der jungen Frau auf den Wagen und fahrt immer auf dem rechten Wege, bis ihr an das gemauerte Haus am See kommt, es soll euch gehören, und ihr lebt in Frieden und Gesundheit, wie ihr bis jetzt gelebt habt im Glauben an Gott. Auch wir beiden machen uns jetzt auf unsern Weg, lange haben wir uns mit dieser Hochzeit aufgehalten.« Das junge Paar dankte, und dann brachen zuerst die zwei Fremden zu Fuß auf. Der junge Mann schirrte schnell die Pferde an den Wagen, um die beiden bald einzuholen und auch auf den Wagen zu nehmen, aber sie waren nirgends mehr zu sehen. Gott und der heilige Petrus hatten sich sogleich in den Himmel erhoben, um nach ihrer Arbeit zu sehen.
Die Jungen fuhren, wie lange sie gefahren sein werden, nur einmal merkten sie, daß sich ein See neben der Straße hinzog, am See befand sich ein Hof mit einem gemauerten Haus und Ställen, ein schöner Garten mit Obstbäumen, da war ein feiner Schatten. In der Türe stand eine Magd, das Tor öffnete ein Knecht, damit der Herr mit der jungen Herrin hereinfahren könne. Jetzt fingen die beiden an zu leben, wie sie es sich vorgenommen hatten. Die Kranken ließen sie im See baden, besorgten und pflegten sie, wie es sich gehört, und ließen sie bei gutem Wetter im Schatten ruhen. Zuerst kamen nur einige, dann immer mehr; alle, welche in dem Wasser gebadet, wurden gesund.
Ein Jahr verging um das andere, da kam Gott sein hinu in den Sinn, und er dachte, einmal nachzusehen, ob er gut geblieben im Glauben an Gott. Er nahm die Gestalt eines alten Krüppels an und legte sich neben den See. Nur einmal sah ihn der Herr und rief gleich seiner Frau: »Komm, du, sieh es liegt ein alter krüppeliger Großvater da, wir wollen ihn ins Haus tragen.« Sie kam schnell herbei, entschuldigte sich, wenn sie ihn zu lange habe liegen lassen, sie hätte im Hause zu tun gehabt und nicht zum Fenster hinausgesehen. Jetzt bemühten sich beide, den Alten aufzuheben und ins Haus zu tragen, konnten ihn aber nicht bewegen. Sie faßte ihn an den Händen, er an den Füßen. »Geh und bring den Wagen«, sagte sie zu ihrem Mann. Er ging und zog ihn herbei. Nun gelang es ihnen mit großer Anstrengung, den Alten hinaufzuheben, aber der Wagen ließ sich nicht von der Stelle bewegen. »Geh du und bring ein Pferd.« Sie ging und brachte es, aber noch immer blieb der Wagen wie angenagelt, er brachte auch das zweite, gleichviel, der Wagen rührte sich nicht, auch das dritte, und erst als alle vier Pferde vor dem Wagen standen, ließ er sich leicht bewegen, und sie fuhren bis an die Türe, dann trugen beide den alten Krüppel auf den Händen ins Haus.
Gott aber freute sich, als er sah, wie sein hinu und seine hina sich um die Kranken bemühten und nicht danach fragten, ob die Kranken auch Geld hätten zu bezahlen oder nicht, und wie sie im Glauben an Gott lebten. Und wie er sah, wie viele Kranke die Gesundheit durch das Wasser erlangten, ging er weiter und heiligte viele Wasser auch in andern Ländern. Das ist der Ursprung der Bäder.

Nicolai Gaspar, Großschenk
[Rumänien: Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal]

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