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Märchenbasar

Mythanias Erlösung

Es geschah vor sehr, sehr langer Zeit. Der barbarische Regent Hektorius herrschte im sagenumwobenen Reich Mythania über das sanftmütige Volk der Sathener. Das wohlhabende und üppig blühende Land lag verborgen im Inneren eines hohen, schier unüberwindbaren Ringgebirges, auf einer im ewigen Nebel liegenden Ozeaninsel. Solange Hektorius` Untertanen sich an seine strengen Gesetze und Verordnungen hielten, konnten sie unbehelligt leben. Aber wehe dem, der sich auch nur das Geringfügigste zuschulden kommen ließ. Ihn ereilten die grausamsten Strafen des Regenten.

Eines Tages nun fragte die anmutige Alea ihre Mutter:
,,Wie kommt es, dass der Herrscher so gar nicht wie ein Sathener ausschaut?”
,,Pst! Nicht so laut Kind, sonst stürzt du uns noch ins Unglück. Überall lauschen fremde Ohren, um “IHM” für einige Goldtaler zu berichten”, ermahnte die Frau mit gedämpfter Stimme und fuhr fort:
,,Nun meine Tochter, ich denke es ist an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Unser Volk lebt schon ewig hier in diesem fruchtbaren Tal. Es gab einen Ältestenrat, angeführt von der weisen Amra und dem heilkundigen Kafor. Wir kannten weder Neid, Hass noch Gewalt. Dann aber tauchte in einer Gewitternacht plötzlich Hektorius aus dem Nichts auf und erklärte den Alten sehr liebenswürdig, dass er auf einem Blitz reitend hergekommen sei, um von nun an die Sathener zu führen. Daraufhin beriet der Senat viele Tage und Nächte hinter verschlossenen Türen. Amra versagten unerklärlicherweise ihre seherischen Kräfte. In dieser Zeit gab sich der stattliche Fremdling sehr freundlich und friedfertig. Der greise Rat entschied sich gegen den Rücktritt des gesamten Senats, erlaubte dem ungebetenen Gast aber zu bleiben. Damit begann das Unglück.”
,,Was ist denn geschehen? Schnell, erzähl doch weiter, Mutter”, bat Alea ungeduldig.
Die kleine, leicht gebeugte Frau seufzte schwer, zupfte an ihrem schlichten Gewand, strich sich eine schneeweiße Haarsträhne aus der Stirn und berichtete unter Tränen:
,,Schon bald nach der Ankunft des Blitzreiters starb ein Senatsmitglied nach dem anderen auf sehr mysteriöse Weise.”
,,Alle acht?”, hauchte das Mädchen erschrocken.
,,Nein”, schüttelte die Mutter ihr Haupt und fuhr fort: ,,Kafor blieb aufgrund seiner Heilkunde verschont und die gute Amra konnte noch rechtzeitig vor den Schergen des Regenten fliehen. Seither haust sie wohl in einer verborgenen Felsenhöhle.”
,,Hm, ich kann mich gar nicht an die Seherin erinnern.”
,,Natürlich nicht, Kind, du warst ja kaum von der Muttermilch entwöhnt, als dieses Unheil über unser Volk hereinbrach.”
,,Oh weh, schon vierzehn Jahre dauert diese Knechtschaft an? Und weshalb bekämpfen die Mannsbilder den Lumpen nicht?”
,,Ach, wenn das so einfach wäre. Unsere greisen Väter und Gatten sind für ein Gefecht zu schwach, die gesunden Männer müssen vom ersten Hahnenschrei bis zum Sonnenuntergang in der Goldmine schuften und danach sind sie völlig unfähig auch nur noch ein Glied zu rühren.”
,,Sagt Mutter, was ist denn mit den jungen Burschen und Knaben?”
Ihre Stimme zitterte und die Augen blickten noch trauriger, als sie antwortete:
,,Hektorius befahl einen jeden Buben mit seinem fünften Lebensjahr in seine Festung auf dem Plateau. Dort verrichten sie Frondienste und werden ab ihrem zwölften Geburtstag zu harten Recken geschmiedet. Auch dein Bruder Joshua befindet sich unter ihnen.”
,,Ein … Bruder? Ich habe einen Bruder?”
,,Ja, er war bei deiner Geburt erst drei und zwei Jahre später haben sie ihn geholt.”
,,Aber … das, ich verstehe nicht, dass niemand wagt, dem fremden Herrscher die Stirn zu bieten.”
,,Es ist sinnlos. Dieser Mensch ist im Bunde mit dem Bösen.”
Alea ergriff die kraftlose Hand der Mutter und sagte voller Inbrunst:
,,Mein Herz sagt mir, dass Joshua bald wieder bei uns sein wird.”

So verstrichen weitere qualvolle Tage.
Dann, eines Nachts, weder Mond noch Sterne waren am Firmament zu sehen, pochte es zaghaft an der Pforte. Sachte rüttelte Alea die Mutter wach und flüsterte ängstlich:
,,Wer mag das sein und verlangt zu so später Stunde Einlass?”
Schlaftrunken patschte die Hausherrin barfüßig zur Tür, legte ihr Ohr daran und sagte leise:
,,Gib dich zu erkennen.”
Gleich darauf schob sie den Riegel zur Seite und ließ eine verhüllte Gestalt eintreten.
Im flackernden Kerzenschein trat eine große, kräftige Greisin auf Mutter und Tochter zu.
,,Keine Angst mein Kind”, sprach sie Alea an, “ich bin Amra und gekommen, um dich deiner Bestimmung zuzuführen.”
Die beiden Frauen zogen sich etwas zurück. Sie redeten lange miteinander. Hernach bekam das Mädchen sein geschnürtes Bündel gereicht und vernahm verwundert die mütterlichen Worte:
,,Es mag dir seltsam erscheinen, dass ich dich nun bitte ohne Zaudern mit der Seherin zu gehen, aber sie wird dir den rechten Weg weisen. Ich bin guten Mutes, meine Tochter, wir sehen uns gewiss wieder.”
Zwei lautlosen Schatten gleich strebten die Alte und das Mädchen ihrem Ziel entgegen.

Der neue Tag begann bereits zu dämmern, als Alea müde und entkräftet von Amra durch den schmalen Eingang in eine geräumige Felsenkammer geschoben wurde. Dort sank sie auf das hergerichtete Felllager und schlief augenblicklich ein.

Ein kräftig würziger Geruch stieg der jungen Maid in die Nase und weckte sie. Ihre Gastgeberin hockte vor einem prasselnden Feuer, rührte im Kessel und winkte sie zu sich heran.
,,Da, stärke dich”, sagte sie freundlich, indem sie ihr eine Schale Suppe reichte.
Schweigend nahmen sie ihre Mahlzeit ein. Dann endlich begann die Seherin sich zu erklären:
,,Nun, meine mystischen Kräfte sind zu mir zurückgekehrt. Anfangs nur recht schwach, aber sie wuchsen mehr und mehr. Alsbald wurde ich Nacht für Nacht von Stimmen heimgesucht. Sie riefen deinen Namen und offenbarten mir, dass du allein den teuflischen Hektorius besiegen kannst. Aber bezwingen kannst du ihn nur in eben einer solchen Nacht, in der er hier erschien.”
,,Bei Blitz und Donner? Aber ich fürchte mich doch so.”
Amra nickte, zog ein steinernes Amulett aus dem Schnupftuch und legte es dem Kinde an.
,,Dieser Donnerkeil beschützt dich und nimmt dir die Furcht.”
Halblaut erklärte die weise Alte nun, wie Alea die schwere Aufgabe zu erfüllen hatte.
Nun hieß es auf eine Gewitternacht warten und je länger es dauerte, um so unsicherer und ängstlicher wurde die kleine Jungfrau.
Doch dann war der Moment plötzlich da. Amra schaute lange in den Himmel. Sie warf frisches Gras ins Feuer und als dieses ohne Qualm verbrannte, nickte sie.
Stocksteif hockte Alea vor der Alten, während ihr Kopf mitsamt dem langen roten Haar eingeölt wurde. Mit sicherer Hand schor die Seherin das Mädchenhaupt völlig kahl. Den feuerroten Kopfschmuck barg sie sicher im Ziegenlederbeutel. Mittels knöcherner Nadel stach sich Alea selber in den Finger und ließ zwölf Tropfen Blut in ihr Haar fallen. Der Stich trieb ihr zum Glück das Wasser in die Augen. So landeten auch die notwendigen zwölf jungfräulichen Tränen im Ledersäckchen und dieses ruhte nun unter dem Wams direkt auf ihrem Herzen.

Als die ersten Blitze am Himmel zuckten, stand die als Knabe verkleidete Maid vor dem Tor der Regentenfestung. Die mit Speer und Schild bewaffnete Wache verwehrte dem vermeintlichen Burschen den Zutritt. Obwohl Alea fast ohnmächtig wurde vor Angst, tat sie, was ihr von Amra geheißen wurde.
,,So lasst mich doch ein”, rief sie bittend, “ich möchte wie mein Bruder in die Dienste des Herrschers treten!”
Sich nach allen Seiten umblickend beschwor der geharnischte Speerträger den Buben:
,,Ergreif schnell das Hasenpanier, Kleiner, ehe es zu spät ist. Du wirst es sonst bitter bereuen.”
Oh ja, das hätte Alea am liebsten auch getan, doch der Gedanke an Joshua und all die anderen Gequälten gaben ihr Willenskraft. Derweil hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet, Blitze tauchten die Burg in gespenstisches Licht und Donner krachte ohrenbetäubend. Zwischen zwei Donnerschlägen schrie das beherzte Kind aus Leibeskräften und lockte damit tatsächlich Hektorius hinaus vors Tor. Er wies die Wache an, den bettelnden Herumtreiber davonzujagen.
,,Herr, ich bin kein Bettler und möchte in Eure Dienste treten”, rief die Kleine so laut sie vermochte.
Wutentbrannt trat der Regent einen Schritt vor, betrachtete finsteren Blickes das triefende Etwas und brüllte erheitert:
,,Hoho, so ein schmächtiges Kerlchen wie du ist mir ja noch nie unter die Augen gekommen. Also verschwinde, ehe ich dich in den Kerker werfen lasse.”
Ihren ganzen Mut zusammenfassend schmetterte Alea dem Scheusal entgegen:
,,Aha, Ihr traut Euch nicht näher zu kommen, um mich genauer zu betrachten, dann würdet Ihr nämlich erkennen müssen, wie kräftig ich gewachsen bin!”
Diese Unverschämtheit konnte und wollte sich Hektorius nicht bieten lassen. Er trat ganz dicht an das Zwerglein heran und packte es am Kragen. In diesem Moment fuhr ein mächtiger Blitz hernieder und Alea warf geschwind das magische Jungfernhaar über den Bösewicht. Noch einmal sauste ein ungeheurer Blitz heran, umschlang wie ein Seil den fremden Herrscher, trug ihn ganz weit hoch ins Firmament und dort verschwand er auf Nimmerwiedersehen.

Die geknechteten Männer und Burschen waren wieder frei, kehrten zu ihren Familien zurück und konnten ihrer kleinen Retterin nicht genug danken.

Auch Alea kehrte heim, aber nicht allein. Sie brachte den Vater und ihren Bruder mit.

Im erlösten Reich Mythania feierten die Sathener ein großes Fest, wählten einen neuen Ältestenrat und lebten fortan, wie zuvor, in Frieden, Glück und Zufriedenheit.

Alea wurde von Amra in alle ihre Geheimnisse unterrichtet und eingeweiht, sodass sie bald deren Amt übernahm.

Und wenn das sagenumwobene Reich Mythania inmitten des Ringgebirges keiner entdeckt hat, dann leben die Sathener noch immer dort.

Quelle: U. Magonz