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Märchenbasar

Vater Roquelaure

Es lebte vor Zeiten eine Königin, welche Witwe war und nur einen Sohn hatte, den Prinzen Emilian. Als dieser alt genug war, um sich zu verheiraten, sagte seine Mutter zu ihm: »Mein Sohn, ich bin alt und meines Bleibens mit dir ist nicht mehr lange. Damit du regieren kannst, wie es sich gehört, mußt du eine Jungfrau deines Standes heiraten. Du wirst nur unter den Prinzessinnen der benachbarten Königreiche zu wählen brauchen; ich bin sicher, daß keine Dich ausschlagen wird.« »Liebe Mutter!« entgegnete der Prinz, »ich bin sehr glücklich mit Euch, und ich habe wohl noch Zeit, an die Heirat zu denken. Sprecht mir also jetzt nicht davon, es ist zwecklos.« Die Königin kam alle Tage auf die Notwendigkeit zurück. Sie nahm sich diesen Wunsch, ihren Sohn zu verheiraten, und dessen ständige Weigerung dermaßen zu Herzen, daß sie darüber krank wurde und starb. Der junge Mann beweinte seine Mutter heftig. Dann begann er, sein Königreich zu regieren, ohne jedoch weiter daran zu denken, daß er sich verheiraten müsse.
Eines Tages ging er vor dem Hause eines Malers vorüber, der erst seit kurzem in der Hauptstadt angesiedelt war; da hefteten sich seine Augen auf ein im Fenster ausgestelltes Porträt: es war das eines jungen Mädchens von wunderbarer Schönheit. Er betrachtete das Bild mit einer Bewegung, die er nie zuvor empfunden hatte, und trat schließlich in das Haus. »Woher stammt dieses Bild?« fragte er den Maler. »Hoheit, es ist das der Prinzessin Emiliane.« »Wo wohnt sie?« »Weit fort von hier in einem fast unerreichbaren Lande. Die Prinzessin ist Tag und Nacht in einem Schlosse von lauter Gold eingesperrt und wird von einer Fee in Gestalt eines Dämons bewacht, die an der Pforte des Schlosses sitzt, umgeben von wilden Tieren, welche alle Zauberer sind.« »Auf welchem Wege gelangt man zu diesem Schloß?« »Ich weiß nichts davon. Die, welche dorthin gegangen sind, haben dies nur mit Erlaubnis und auf Befehl der Fee tun können, und dieselbe hat sich wohl gehütet, ihnen das Mittel, wie sie von dort zurückkehren könnten, zu enthüllen.« Der Prinz kehrte voller Sorgen in sein Schloß zurück. Er fühlte keinen Schlaf noch Hunger mehr, denn er hatte nur noch einen Gedanken, einen Wunsch, einen Ehrgeiz: das geheimnisvolle Schloß zu entdecken und die schöne Prinzessin zu heiraten.
Unter seinen Dienern fand sich einer mit Namen Hans, den er sehr schätzte und den er als Vertrauten behandelte wegen der vielen Beweise von Ergebenheit, die er von ihm empfangen hatte. »Hans,« sagte er eines Tages zu ihm, »ich bin sehr unglücklich, und ich fühle, daß ich bald sterben muß, wenn ich nicht mit deiner Hilfe ans Ziel meiner Wünsche gelange.« »Um was handelt es sich, mein Fürst?« fragte der getreue Hans. Der Prinz offenbarte ihm alles: seine Liebe zur Prinzessin Emiliane, seinen Wunsch, sie zu heiraten, seinen Entschluß, sie trotz aller Schwierigkeiten auf der ganzen Welt zu suchen. »Ihr wißt, mein Fürst, daß ich im Leben und im Tode Euer bin. Ich werde Euch überallhin folgen, wohin Ihr auch geht.« »Gut, Hans, mein Entschluß ist unwiderruflich. Bewahre das Geheimnis und bereite alles Nötige vor, damit wir sobald als möglich abreisen können.«
Hans ließ einen großen Wagen bauen, der war innen ausgepolstert und mit Fellen bedeckt. In einer recht finstern Nacht spannte er die beiden stärksten Rosse des Stalles davor, legte Waffen hinein und Wegzehrung, und so zogen die beiden Gesellen auf Abenteuer aus, ohne mehr Lärm zu machen als Spitzbuben, wenn sie davonschleichen. Sie schlugen einen Weg ein, der durch einen ungeheuren Wald führte. Der schwere Wagen rollte schon lange in den Geleisen, die Pferde hielten an, um zu verschnaufen. Es war ausgemacht, daß der Prinz und Hans abwechselnd wachen sollten; der Prinz schlief, und der Diener dachte in der stillstehenden Karosse sitzend mit Gram an all die Gefahren einer solchen Reise. Plötzlich vernahm er nicht weit weg ein Stimmengewirr: an dreißig Leute redeten zu gleicher Zeit: »Was wißt Ihr neues, Vater Roquelaure?« sagten sie. »Und ihr, Kinder?« antwortete eine feiste Stimme, die unter den anderen heraustönte wie die Hauptglocke der Kirche unter den Glöckchen unserer Kühe. »Nichts, nichts, Vater Roquelaure!« »Nun, aber ich, ich weiß etwas!« »Redet, Vater Roquelaure!« »Der Prinz Emilian hat sich so sehr in die Prinzessin Emiliane verliebt, daß er gerade abgereist ist, sich auf die Suche nach ihr zu begeben.« »Wird er sie finden, Vater Roquelaure?« »Nicht leicht, Kinder. Denkt nur, er wird morgen an einen Fluß kommen, der keine Brücke hat.« »Was wird er tun, Vater Roquelaure?« »Er braucht nur die Naben seiner Räder mit dem Moos von einer Eiche zu reiben; sogleich wird eine Brücke entstehen, die ihm Übergang gewährt und dann sofort wieder verschwindet. Er wird seine Reise zur Prinzessin fortsetzen können, denn er ist auf dem rechten Wege.« »Und wird er sie dann haben, Vater Roquelaure?« »Nicht leicht, Kinder.« »Warum das, Vater Roquelaure?« »Die Prinzessin wird bewacht von einer Fee, welche hundert Zauberern gebietet, die das Aussehen von wilden Tieren haben. Das einzige Mittel, die Fee willfährig zu machen, ist, daß er ihr einen goldenen Spinnrocken gibt, der mit diamantnem Werg versehen ist, dann muß er in ihr Glas Wasser des Schlafes gießen; während sie schläft, wird er die Prinzessin entführen.«
»Und wird er sie dann haben, Vater Roquelaure?« »Nicht leicht, Kinder; denn die Fee wird erwachen, und wütend über die Täuschung, wird sie alle Zauberer zur Verfolgung des Räubers aussenden. Und diese Zauberer werden die verschiedensten Gestalten annehmen, werden sich aller erdenklichen Listen bedienen. So werden die Pferde des Prinzen sich weigern vorwärtszugehen: sogleich wird eine Menge Wagen jeder Art auf dem Wege erscheinen, deren Kutscher den Prinzen und die Prinzessin auffordern werden, einzusteigen. Man muß sich auf diese Kutscher werfen, sie töten und ihre Gefährte zerbrechen. Dann wird die Prinzessin von einem Durst gepackt werden, der sie wahre Höllenqualen wird erdulden lassen; sie wird um einen Trunk bitten, und man wird in der Nähe Kaufleute finden, welche erfrischende Getränke feilbieten. Aber sie hüte sich wohl, davon zu trinken. Man muß sich auf diese Kaufleute werfen, die vergifteten Getränke auf die Erde schütten und dann so schnell wie möglich fliehen. Ein wenig später wird der Prinz ans Ufer eines Teiches kommen; er wird darin einen Mann erblicken, der sich abmüht und um Hilfe schreit, und seine erste Bewegung wird sein, dem Ertrinkenden zu Hilfe zu eilen; aber anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen, muß man eine lange Stange nehmen und ihn auf den Grund des Teiches stoßen.« »Und warum, Vater Roquelaure?« »Alle diese Dinge, Kinder, sind nur Gaukeleien, welche die Fee erfindet, um den Prinzen zu verderben und die Prinzessin zurückzuerlangen. Wenn sie diesen Gefahren entgehen, werden sie ans Ufer eines Flusses kommen; der Prinz braucht nur die Räder seines Wagens mit Eichenmoos zu reiben, damit die Brücke wieder entstehe und er hinüber kann.« »Wird er dieses Mal die Prinzessin haben, Vater Roquelaure?« »Ja, Kinder, er wird es, wenn er tut, was ich gesagt habe. Aber ihr wißt, daß das Geheimnis gehütet werden muß; sollte jemand geschwätzig sein,/ wird er zur Strafe zu Marmelstein.«
Der Wald hüllte sich wieder in Schweigen, und Hans trieb die Pferde an, welche davoneilten. Er hatte alles gehört und alles verstanden; unglücklich darüber, daß er sich seinem Herrn nicht anvertrauen dürfe, freute er sich doch im Gedanken, daß er des Ausgangs dieser gefährlichen Unternehmung nunmehr sicher sei. Er ergriff Maßregeln, um nach den Worten Vater Roquelaures handeln zu können.
Gegen Ende des Tages verließen die Reisenden den Wald; vor ihnen breitete sich eine weite Ebene aus, aber ein Fluß trennte sie davon. Hans nahm das Moos, welches er gesammelt hatte, und kaum hatte er die Räder des Wagens damit gerieben, als eine Brücke auf dem Wasser erschien, gleichsam um sie einzuladen, darüberzuschreiten. Sie kamen ohne Schwierigkeit hinüber und setzten ihre Reise fort. Der Prinz, ganz in seine Träumereien und seine verliebten Sorgen versunken, befaßte sich mit gar nichts und überließ sich ganz und gar seinem Diener. Nach langer Reisezeit sahen sie im Strahl der untergehenden Sonne ein Schloß aus reinem Golde funkeln. »Mein Fürst,« sagte Hans, »ich glaube, wir sind am Ziel.« »Welche Gefahren mich auch erwarten,« sagte der Prinz, »ich will mich ohne Verzug und ohne Furcht der Prinzessin vorstellen.« »Laßt mich machen, Prinz!« Und als sie vor der Türe des Schlosses ankamen, wo die Fee mit ihren Tieren redete und bereit schien, sie von denselben verschlingen zu lassen, nahm Hans einen schönen Spinnrocken von Gold, versehen mit diamantnem Werg, den er sich gemäß dem Rate des Vaters Roquelaure verschafft hatte, und sprach, sich zur Fee wendend. »Edle Frau, hier ist ein kleines Geschenk, das mich der König, mein Herr, mit dem ich reise, Euch anbieten heißt.« Die alte Fee war entzückt über eine so glänzende Gabe; sie besänftigte die Bestien, welche zusammenkrochen, um dem Prinzen und seinem Diener Durchgang zu gewähren; dann geleitete sie die Fremden in den Saal, in welchem sich die Prinzessin aufhielt. Sie war hundertmal schöner, als ihr Bild es angekündigt hatte. Der Prinz erstaunte darüber; sie selbst schien seine Aufmerksamkeit zu fühlen. Man servierte ein prächtiges Mahl; beim Nachtisch fand Hans Gelegenheit, vom Wasser des Schlafes in das Glas der Fee zu gießen. Nach dem Essen wurden der Prinz und Hans in ihre Gemächer geführt. »Nun, mein Fürst,« sagte Hans, »was gedenkt Ihr zu tun?« »Ich weiß gar nichts, und du, hast du deinen Plan gefaßt?« »Ja, und ich hoffe, er wird mir gelingen. In einer Stunde wird alles im Schlosse schlafen. Ich werde indessen die Pferde anspannen, denen ich eine gute Ration Hafer gegeben habe. Während dieser Zeit müßt Ihr, mein Fürst, die Prinzessin entführen: sie wird, glaube ich, nur froh sein, das Schloß verlassen zu dürfen, das ein Gefängnis für sie ist.« So geschah es: als es Mitternacht schlug, bestiegen die Prinzessin und der Prinz den Wagen, und Hans leitete die beiden Pferde hinten auf dem Gefährt stehend.
Sie galoppierten einige Zeit, dann plötzlich blieben sie stehen, und weder Geschrei noch Peitschenhiebe konnten ihre Füße vom Boden lösen, an den sie angewurzelt zu sein schienen. Der Prinz verlor die Geduld, die Prinzessin klagte, Hans allein bewahrte kaltes Blut. »Prinz!« rief die Prinzessin Emiliane, »da sind leere Wagen und Kutscher, die uns winken näherzukommen.« In der Tat befanden sich mehrere schöne Wagen dort, die mit feurigen Rossen bespannt waren, und die Kutscher boten sich höflich den Reisenden an, sie zu führen, wohin sie wollten. »Steigen wir aus, Prinzessin,« sagte der König, »wir wollen einen dieser Wagen nehmen.« Aber im gleichen Augenblick nahm Hans eine Waffe, stürzte sich auf die Kutscher und tötete einen nach dem andern auf den Wagen, welche in Stücke zerbrachen; dann stieg er wieder auf seine Karosse und seine Pferde setzten sich in Bewegung. »Warum hat er diese Leute getötet, die uns ihre Dienste anboten?« fragte die Prinzessin. »Ich verstehe nichts davon«, versetzte der Prinz.
Die Sonne war höher gestiegen, die Hitze wurde drückend. »Wie mich dürstet!« sagte die Prinzessin, »habt Ihr nichts, das ich trinken könnte?« »Nichts, aber wir werden alsbald zu irgendeinem Brunnen kommen!« »Ich kann nicht bis dahin warten; der Durst verbrennt mich, erstickt mich!« »Wer will trinken? Wer will trinken? Gutes Wasser, ganz frisch!« schrie auf einmal eine Stimme nahe beim Wagen, »hier gibt es Felsenwasser! Wer will trinken? Wer will trinken?« Es fanden sich rings um den Wagen wohl ein Dutzend Leute, die so ihr Heilmittel gegen den Durst anpriesen; man hätte glauben können, sie seien aus dem Boden gewachsen. »Halt!« rief die Prinzessin Hans zu, »man bringe mir zu trinken!« Hans hielt an, aber nur, um vom Wagen abzuspringen, sich auf die Wasserverkäufer zu stürzen, sie ohne Erbarmen zu töten und ihre flüssigkeitsgefüllten Gefäße zu zerschmettern. »Was tust du?« schrie die Prinzessin wütend »gib mir doch zu trinken! Dieser Mensch hat es sich wohl zur Aufgabe gemacht, mir zu mißfallen?« sagte sie zum Prinzen, welcher sie, bestürzt über das Betragen seines Dieners, ohne Antwort ließ.
Aber der Durst der Prinzessin war gestillt, der Wagen rollte ruhig weiter und kam zu einem Teiche, aus dem eine verzweifelte Stimme erscholl. »Hört Ihr diese Schreie?« sagte die Prinzessin. »Oh, es ist ein Mensch, der ertrinkt,« rief der Prinz Emilian, »ich will ihm Hilfe bringen.« Hans hatte sich schon mit einer langen Stange versehen und lief zu dem Ertrinkenden. »Gut, Hans! Reich ihm die Stange, er nimmt sie … er hält sie … zieh!« Anstatt zu ziehen, stieß Hans aus Leibeskräften den Ertrinkenden, so daß derselbe sogleich verstummte und im Wasser verschwand. »Prinz, Ihr habt da einen bösen Diener«, sagte die Prinzessin. »Ich glaube, er ist toll geworden. Ich habe ihn stets als gutartig und ergeben gekannt, und ich gebe zu, daß ich mir sein heutiges Benehmen nicht erklären kann.« Hans blieb unempfindlich gegen solche Reden und folgte nur Punkt für Punkt den Anordnungen des Vaters Roquelaure.
Als der Wagen in die Nähe des Flusses kam, machte er sich daran, die Räder desselben mit Eichenmoos zu reiben, und sogleich entstand zum großen Erstaunen der Prinzessin Emiliane eine Brücke, um ihn hinüberfahren zu lassen. »Was ist das für ein Mensch,« dachte sie, »der solch einen Zauberer in seinem Dienste hat!« »Prinz,« sagte sie dann, »Euer Hans macht mir Furcht. Wenn Ihr mich so liebt, wie Ihr es sagt, so versprecht mir, ihn bei unserer Heimkehr für den Rest seines Lebens einzukerkern.« Der Prinz war über das Betragen seines Dieners derartig verwundert und so für die Prinzessin eingenommen, daß er ihr alles versprach, was sie wollte.
Am folgenden Tage erreichten sie die Hauptstadt des Königs. Welch ein Staunen, als man ihn mit einer Prinzessin von so seltener Schönheit zurückkehren sah! Sein Verschwinden hatte das ganze Volk geschmerzt; es hielt ihn für tot und trauerte um ihn. Aber er vergalt es ihm am Tage seiner Hochzeit. Nie und nirgends gab es ähnliche Freuden. Es entstand ein Blutbad unter den Ochsen, Schweinen und Hämmeln, man leerte alle Tonnen, man tanzte Tag und Nacht eine ganze Woche hindurch.
Indessen vergaß der König nicht das Versprechen, das er Hans betreffend gegeben hatte, er ließ ihn zu sich kommen und sagte in strengem Tone: »Hans, der Augenblick ist gekommen, dein Benehmen, das du während unserer Reise zur Schau getragen hast, zu erklären. Du hast mehrere Leute gegen meinen Willen und gegen den der Königin getötet. Ich hoffe, daß du dich rechtfertigst und daß du mir auch sagst, auf welche Weise du die Brücke über den Fluß geschlagen hast, welche uns den Übergang gestattete.« »Fürst, ich habe Euch nichts zu sagen. Ich habe alle Sorge darauf verwendet, Euch zu gehorchen, Euch zufriedenzustellen und den Erfolg, den Ihr wünschtet, davonzutragen. Ihr seid glücklich, ich bin zufrieden; ich habe Euch nichts zu sagen.« »Hans, deine Worte rechtfertigen dich nicht: um deiner guten Dienste willen, deren ich mich wohl erinnere, um der Ergebenheit willen, die du mir oft bewiesen hast, sage mir, warum du auf eine deinen Gewohnheiten so entgegengesetzte Art und Weise gehandelt hast wie ein Mörder oder wie ein Narr.« »Fürst, ich habe kein Wort hinzuzufügen.« »Gut! Da du mir trotzest, sollst du bestraft werden. Nicht allein, daß ich dir mein Vertrauen entziehe, morgen wirst du in den Kerker geworfen.«
Der unglückliche Hans wußte nicht, was er tun sollte. Sollte er schweigen? Das hieß in Ungnade fallen und die Strafe, die sein Herr ihm zudachte, erleiden. Reden? Aber ihm klang die Drohung des Vaters Roquelaure noch in den Ohren. Seine Zuneigung zum Prinzen, die Furcht, ihm zu mißfallen, veranlaßte ihn schließlich zu erzählen, was er im Walde erfahren hatte; er enthüllte alles bis zu den letzten Worten des Vaters Roquelaure. Der Prinz, bis zu Tränen gerührt, eilte, seinen getreuen Diener zu umarmen, aber er sah vor sich nur mehr ein Marmorbild. Er verfluchte seine Neugier, sein Mißtrauen, seinen Undank. Ich glaube, er hätte sich nie darüber getröstet ohne die Liebe, die ihm seine Frau gewährte. Bevor das Jahr zu Ende ging, bekam sie ein Kind, einen Knaben, den der König Hans nennen wollte in Erinnerung an seinen treuen Diener.
Am Tage der Taufe lud er die Fürsten der Umgegend und alle Edlen seines Hofes zu einem großen Feste ein. In dem Augenblick, da man sich zu Tisch setzte, bemerkte er in einer Ecke des Saales eine alte, in Lumpen gehüllte Frau, die sich hinter den Möbeln verbarg. »Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?« fragte er sie. »Ich bin nicht gekommen, um Euch Übles zu tun«, antwortete die Alte; »verjagt mich nicht, mißhandelt mich nicht, und Ihr sollt es nicht bereuen!« »Ich will nicht, daß bei der Taufe meines Sohnes jemand hier unzufrieden sei. Man gebe dieser Frau zu essen und zu trinken. Wir haben einen Gast mehr.« »Gnädiger Herr, was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch ein Mittel gäbe, noch einen weiteren zu haben, den Abwesenden, an den Ihr in diesem Augenblicke denkt?« »Hans?« murmelte der König. »Ja. Es hängt von Euch ab, ihn hier den Platz einnehmen zu sehen, der ihm von Rechts wegen gebührt.« »Er ist es, dem ich mein Glück verdanke. Ich gäbe alles hin, alles auf der Welt, um ihm das Leben wiederzugeben.« »Gut, wenn das Euer Ernst ist, so tötet Euern Sohn und reibt mit seinem Blut die Füße des Marmorbildes, und sogleich wird Euch Hans zurückgegeben werden.« Der Prinz wurde bleich wie der Tod. Seinen Sohn töten! Und doch: wem verdankte er es, dieses Kind, wenn nicht seinem guten Diener, der so ungerecht bestraft war? Er eilte zur Wiege seines Kindes und stieß ihm mit abgewendeten Augen den Dolch in den Busen; dann sammelte er das Blut in der offenen Hand und ging, die Füße der Statue damit zu reiben. In demselben Augenblick warf sich Hans in seine Arme, während die alte Frau zu ihnen trat, das arme gemordete Kind auf den Armen. »Gnädiger Herr, Ihr habt nach Recht und Billigkeit gehandelt, seid belohnt dafür! Hier ist Euer Sohn!« Sie nahm ein Stäbchen unter ihren Bettlerkleidern hervor und berührte damit das Kind, das seine Augen lächelnd wieder öffnete, während sie selbst sich in eine schöne Dame in seidenen Gewändern verwandelte, die strahlten von Gold und Diamanten. Die Königin, welche den Vorgängen, ohne etwas davon zu begreifen und wie gelähmt beigewohnt hatte, erkannte die Fee, welche sie im Schloß hehütet hatte, und warf sich ihr zu Füßen: »Verzeiht mir, daß ich Euch verlassen habe, daß ich entflohen bin, Euch, die Ihr immer gut gegen mich gewesen seid!« Die Fee richtete sie auf und umarmte sie: »Was geschehen ist, mußte geschehen«, sagte sie. »Jetzt seid glücklich.« Und sie waren es.

[Frankreich: Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen]